Frankfurter Rundschau, 19.6.2009

Ausstellung Flitners Frauen
von Lilith Becker

 
Sie steht einem Skelett gegenüber. Professor Doktor Martina Dören guckt dem hohlen Schädel direkt in die leeren Augen. Sie ist Osteologin, erforscht Knochen und die Gesundheit von Frauen. Auf dem Plakat, das für die Fotoausstellung "Frauen, die forschen" wirbt, posiert Martina Dören mit dem künstlichen Skelett in einem Berliner Hörsaal.

24 Naturwissenschaftlerinnen im deutschsprachigen Raum porträtierte die Fotografin Bettina Flitner für die Ausstellung. Die acht Meter langen Stoffbahnen sind bedruckt mit jeweils vier Bildern der Forscherinnen. Sie hängen bis Ende August im Museum für Kommunikation. Dann wandern sie weiter an die Universität in Konstanz. Das größte Foto, am Kopf der Stoffbahn, zeigt jeweils ein inszeniertes Bild. Damit will Flitner die Forschung der Frauen sichtbar machen, "visuell aussagekräftig", wie sie sagt.

Thisbe Lindhorsts Profil, beispielsweise, ist abgebildet vor einem hellblauen Himmel mit leicht zerrupften Wolken. Die Professorin für Organische und Biologische Chemie in Kiel steht im Wasser. Ihr schwarzer Mantel reicht bis über die Knie hin aus. Wellen überwerfen sich sanft und unscharf im Vordergrund. Die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Vollhard badet mit geschlossenen Augen in ihrem Seerosen-Teich. Aus dem kurzen Text erfährt man, dass die Entwicklungsbiologin die Anlage des Körperplans der Fruchtfliege Drosophila identifiziert und systematisiert hat.

Über Selbstbehauptung
"Ich bewundere diese Frauen, die sich in dieser Männerwelt behaupten können", sagt Monika Hedderich. Sie besucht die Ausstellung und schlendert gemeinsam mit ihrer Freundin Marlies Odié durch das Forum im Museum für Kommunikation. "Es wird immer noch viel dafür getan, dass Frauen nicht in die oberen Etagen der Wissenschaften kommen", erzählt Marlies Odié. Viele universitäre und institutionelle Herrenrunden seien keineswegs objektiv: "Da sitzt dann eine schöne 35-Jährige und möchte habilitieren. Dann heißt es, ,die bekommt doch bestimmt bald ein Kind’. Und schon bekommt der männliche Mitbewerber die Stelle."

1995 erhielt Christiane Nüsslein-Vollhard den Nobelpreis. Bettina Flitner bekam in der Redaktion der Emma mit, dass ein Foto der Forscherin benötigt wurde. Keine Presseagentur konnte ein Bild liefern. Dies sei der Anstoß für das große Projekt der Fotografin gewesen. Die Frage, die Flitner ihrem Projekt zugrunde legte, lautete schlicht: Wie kann es sein, dass Frauen in einem Bereich wie der Forschung nicht sichtbar sind? Obwohl sie die Hälfte der Weltbevölkerung stellen. Und wenn es Frauen in der Wissenschaft gibt: Wie sehen sie aus und woran forschen sie? Drei Monate reiste Flitner durch Deutschland und die Schweiz und fotografierte Naturwissenschaftlerinnen in ihrem Arbeitsumfeld und privat.

Projekt im Turm
Neben der Wanderausstellung finden sich Bettina Flitners Bilder in einem Buch. Ausführlicher als in der Ausstellung sind dort die Geschichten der Forscherinnen aufgeschrieben. Gefördert wurde das Fotoprojekt vom Bundesministerium für Forschung und dem Frauen Media Turm Köln.

Der Turm ist ein Informationszentrum für Geschlechtergerechtigkeit und Genderforschung. Gegründet 1984 von Alice Schwarzer, beherbergt das Frauenarchiv eine Fülle feministischer Literatur. Es soll künftig eine Bilddatenbank zur Frauenemanzipation im deutschsprachigen Raum geben. Bettina Flitners Bilder werden ein Teil davon sein. Sie sollen helfen, die Frage zu beantworten, welche Funktion Bilder in der Geschlechterpolitik haben.

Bilder machen Frauen und prägen ihr Image. Das weiß man spätestens seit den Lästereien über Angela Merkels Frisuren, ihre Kleider und den tiefen Blick ins Dekoltée. Bettina Flitners Bildpolitik ist allerdings eine andere: Sie zeigt die Forscherinnen auf Augenhöhe, als Menschen. Sie sind Frauen, die etwas erreicht haben – und trotzdem erreichbar sind.

 

###PAGEBROWSER###