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Ein Abenteuer

Vorwort des Buches "Frauen mit Visionen" von Bettina Flitner

Da stehe ich im Damenzimmer des Palastes. Goldene Stühle, goldene Bilderrahmen, goldene Lüster. Das Parkett glänzt. Es ist 14.25 Uhr. Genau eine Stunde habe ich Zeit. Eine Stunde der Präsidentin des Landes für mein Projekt. Seit drei Monaten ist dieser Termin verabredet. Gerade ist meine Blitzlampe kaputtgegangen. Draußen gießt es, und hier drinnen ist es stockfinster. Eine Lampe ... eine Lampe ... eine Lampe. Der Fotoladen! Da war doch dieser Fotoladen neben dem Präsidenten-Palais. Wieder vorbei an den Sicherheitsbeamten, hinaus in den finnischen Regen. Da, der kleine vollgestopfte Laden an der Ecke. "Aber wenn ausgerechnet jetzt Leute kommen und Passbilder haben wollen", jammert der Besitzer, als ich ihm die Blitzlampe abbaue. "Bei dem Wetter", beruhige ich ihn und renne mit der Lampe unterm Arm aus dem Laden und zurück Richtung Palast. "Für Tarja Halonen ...", höre ich ihn noch schicksalsergeben murmeln. 14.55 Uhr. Die Lampe steht, die Präsidentin kann kommen.

Einer meiner letzten Termine für dieses Projekt. Große Europäerinnen. Die bedeutendsten, interessantesten, wichtigsten Frauen in Europa hatte ich mir vorgenommen. Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Wissenschaftlerinnen, Politikerinnen, Aktivistinnen in ganz Europa. Frauen, die Geschichte schreiben. Frauen, die in ihren Bereichen Herausragendes geleistet haben und leisten. Frauen, die über sich selber hinaus denken. Im Laufe dieses Projektes sollte ich sie treffen. Sie waren so spannend, dass eine jede ein ganzes Buch wert gewesen wäre.

Es sind Frauen, die in ihren eigenen Ländern bekannt bis berühmt und auf ihrem Gebiet oft weltweit anerkannt sind. Sie geben den Ton an, wie die englische Dirigentin Sian Edwards. Sie setzen die Männer schachmatt, wie die Ungarin Judith Polgar, die beste Schachspielerin der Welt. Sie greifen nicht nur nach den Sternen, sondern fliegen gleich selber hin, wie die französische Astronautin und heutige Forschungsministerin Claudie Haignere.

Von so mancher kannte ich nicht einmal den Namen, als ich meine Recherche begann. Das Bundesfamilienministerium hatte eine finanzielle Unterstützung des Projektes zugesichert. Ein Unterfangen dieses Ausmaßes das war klar würde ich allein nicht bewältigen können. Im Frühjahr 2001 fing das Abenteuer an. Hunderte von Briefen schickte ich ab: an die deutschen Botschaften in den europäischen Ländern, an die Botschaften der Länder in Deutschland, an die Goethe-Institute, an Journalisten und AuslandskorrespondentInnen, an Freunde und Freundinnen, an ExpertInnen in den Ländern: "Bitte nennen Sie mir Frauen, egal aus welchen Bereichen, von denen Sie meinen, gerade die dürften auf keinen Fall fehlen!"

Was dann kam, war überwältigend. Eine Flut von Faxen, E-Mails, Anrufen. Mein Fax spuckte Listen mit dreißig, vierzig, fünfzig Namen aus Italien oder Frankreich aus. Die Länder mit einer Tradition in weiblichen Persönlichkeiten waren nicht mehr zu halten. Es rasselten die Namen durch Telefon- und Handyhörer, mein Briefkasten quoll über von Fotos und Artikeln. In anderen Ländern wiederum lief es zunächst zäher an. Das E-Mail eines Korrespondenten aus Budapest klang eher resigniert: "Talentierte Frauen, von denen es etliche gibt, kochen Kaffee für die Titanen und Geschickelenker und opfern sich auf dem Altar der Haushaltsführung und Kinderaufzucht. Für Ihr Projekt ist aus diesem Land nach bestem Wissen und Gewissen niemand vorzuschlagen!"

Diese Flut zu sortieren war der erste, der schwierigste Akt. Jeder einzelne vorgeschlagene Name wurde von mir noch einmal recherchiert. Welche Bedeutung hat sie für die Menschen in ihrem Land? Gibt es innerhalb Europas noch jemanden auf dem gleichen Gebiet von ähnlicher Bedeutung? Gehört sie wirklich zu den wichtigsten Fünfzig? Ich telefonierte mit dem Schachverband in Budapest, mailte mit der finnischen Forstmeisterin in Kaamanen, faxte mit der mir bis dahin unbekannten Sekretärin einer Zeitschrift in Rom ("Ich helfe Ihnen sehr gern, aber mein Chef sollte nicht erfahren, dass ich in meiner Dienstzeit für Sie recherchiere"). Von einer Botschaft kam die überraschende Frage: "Wollen Sie nur Lebende oder auch tote Frauen fotografieren?" Über Monate saß ich mit Laptop, Fax und Telefon inmitten eines europäischen Sprachgewirrs und versuchte, einen Überblick zu bekommen.

Wen ich letztendlich für das Projekt fotografieren würde, war nach diesen Monaten der Recherche dennoch schnell klar. Da gab es Frauen, die von anderen immer wieder vorgeschlagen wurden, wie die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro Harlem Brundtland oder die italienische Fotografin Letizia Battaglia. Es gab aber auch Menschen, die ich selbst von Anfang an im Sinn hatte. Wie Miep Gies, die die deutsch-jüdische Familie Frank über zwei Jahre lang in dem Amsterdamer Hinterhaus versteckte und das Tagebuch der Anne Frank rettete. Die Auswahl der Frauen in diesem Buch ist also das Ergebnis einer breit gefächerten, objektiven Recherche und meines subjektiven Zugriffs.

Ein solcher Band kann nur Schlaglichter werfen. Manche Frauen, die ich gerne dabeigehabt hätte, sagten zu und mussten dann aus Zeitnot wieder absagen. Anderen war der Gedanke unangenehm, ausgerechnet jetzt, in einem "gewissen Alter", fotografiert zu werden. "Wären Sie vor zehn Jahren gekommen ...", schrieb mir eine berühmte Schriftstellerin. Auch sind nicht alle europäischen Länder vertreten. Dieser Porträtband konzentriert sich überwiegend auf Mittel- und Nordeuropa. Doch die Arbeit geht weiter, Ost- und Westeuropa werden dazukommen.

Endlich, im Sommer 2001, kann ich mit dem Fotografieren beginnen. Marion Gräfin Dönhoff ist eine der Ersten. Ich weiß, dass sie schwer krank ist. Und auch sie ahnt wohl, dass dies ihr letzter Fototermin sein würde. Als ich mein Stativ im Wohnzimmer vor dem Gobelin aus Ostpreußen aufbaue, geht ein heftiges Gewitter los. Blitze zucken über den Schreibtisch mit den Fotos von Schloss Friedrichstein. Die Freunde aus dem Widerstand, die ostpreußischen Landschaften, die Wildgänse auf den schwarz-weißen Fotografien leuchten in dramatischem Blau. "Siebenschläfer", sagt Gräfin Dönhoff. "Das kommt von den Bauern." Bei meinem ersten Termin vor über zehn Jahren war sie ungeduldig gewesen. Als ich damals mehrfach auf den Auslöser drückte, knurrte sie: "Früher hatte man nur eine Glasplatte, da musste das auf Anhieb sitzen." Heute herrscht eine ganz andere Stimmung. Gräfin Dönhoff ist konzentriert und intensiv. "Früher habe ich auch fotografiert", sagt sie. "Fotografieren und Reiten. Das, was man nicht braucht. Das gehört zu meinem ersten Leben. In meinem zweiten war dafür kein Platz mehr." Als ich mich verabschiede, weiß ich, dass ich sie nie mehr wiedersehen werde.

In den folgenden Monaten reise ich kreuz und quer durch Europa. Von Polen nach Süditalien, von Ungarn in die Bretagne. Vor jedem einzelnen Termin versuche ich, so viel wie möglich über die Menschen zu erfahren. Ich lese über sie und von ihnen, befrage andere, schaue mir ihre Umgebung an. Meine Vorstellungen aber werden oft korrigiert, manchmal auch ganz über den Haufen geworfen, sobald wir uns begegnen. Manchmal habe ich für die Fotos einen halben Tag Zeit, oft aber auch nur eine Stunde. Bei Frauen in Spitzenpositionen mit einem engen Zeitkorsett ist es manchmal schwer, die Routine der Selbstdarstellung zu durchbrechen.

Wirklich interessant wird es, wenn die Frau, die ich fotografiere, die Offenheit hat, sich meinem Blick gelassen zu stellen, und trotzdem ganz sie selbst bleibt. Die Astronautin Claudie Haignere hatte ich mir immer mit Sternen im Hintergrund vorgestellt. Als ich dann einen Tag vor dem Termin das europäische Trainingszentrum der ESA für Astronauten in Köln besichtige, entdecke ich einen russischen Raumfahreranzug aus den 1970er Jahren in einer Vitrine. Es kostet mich einige Überredung, dass das wertvolle Stück aus dem Glaskasten genommen wird. Und weitere Überredung, dass Claudie Haigner sich in genau diesem Anzug in das Ginstergestrüpp stellt, der das Trainingszentrum umgibt. Erst viel später erfahre ich, dass Ginster eine der ersten Pflanzen auf der Erde, eine Art Urpflanze ist. Auch die Astronautin ist im Nachhinein zufrieden mit den Fotos und der Interpretation ihres Berufes.

Langsam geraten mir die Sprachen durcheinander. In Polen spreche ich mit der Bildhauerin Magdalena Abakanovicz Deutsch. In Ungarn mit der Opernsängerin Ilona Tokody Italienisch. Und in Oslo mit der Juristin Eva Joly Französisch. Nur in Großbritannien wird Englisch, und nichts als Englisch gesprochen. Als ich an einem heißen 14. Juli 2003 (Ist heute nicht Nationalfeiertag in Frankreich?) auf Gleis 9 3/4 der Victoria Station den Zug nach Arundel besteige, fahre ich zwar nicht zur Hogwarts School of Witchcraft and Wizardry, aber zu einem ähnlich prachtvollen Anwesen. Anita Roddick, die Gründerin der Body-Shop-Kette, hatte nach drei Absagen doch noch einem Treffen zugestimmt.

Ich fahre die sehr breite Auffahrt hoch zum Roddick'schen Landsitz. Anita Roddick ist barfuß, der Empfang herzlich, und wir haben den ganzen Nachmittag Zeit. Ein gigantisches Haus, Springbrunnen und Skulpturen und akkurat geschnittene Buchsbäume, eine Anlage wie eine Kulisse. Als sie erwähnt, dass ihre Mutter drei Orte weiter wohnt, entscheiden wir uns spontan für gemeinsame Fotos mit der Mutter in dem Haus, in dem Anita aufgewachsen ist. "Ich habe ihr ein Haus nebenan gebaut, aber sie findet es bei mir zu ungemütlich." Irgendwie verständlich. "Keine Farben, keine Blumen", beschwert sich die italienische Mutter in der Tat und zeigt mir ihren kleinen bunten Innenhof mit Geranien und Hollywoodschaukel. Aber stolz ist sie auf die Tochter und erzählt, begleitet von Anita Roddicks liebevoll-enervierten Versuchen, ihre Mutter zu bremsen ("Yes, mom"), eine Kinderheldinnenstory nach der anderen: Wie Anita aus der Schule kam und einem armen Mädchen ihre Kleidung schenkte. Wie Anita einmal die Woche zu den Obdachlosen ging. Am späten Nachmittag dann ein Empfang der besten Body-Shop-Manager Englands. Einige haben Fotoapparate mitgebracht, um sich mit der Chefin fotografieren zu lassen. Interessant, Anita Roddick, eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen der Welt, stellt fast nur Fragen. Eine offene und entspannte Atmosphäre. Knapp erreiche ich um 21 Uhr meinen letzten Zug nach London.

15 Uhr. Tarja Halonen betritt das Damenzimmer. Ich verstehe auf Anhieb, warum 94 Prozent aller Finnen und Finninnen diese Frau zur Präsidentin haben wollen. Warum sie vermutlich der beliebteste Politiker der Welt ist. Keine Arroganz, kein Machtgehabe, nichts scheint falsch an ihr. "Soll ich mich schminken?", fragt sie und schaut mich ratlos an. Ich nicke. Im Damenzimmer hängen die Bilder der Ehefrauen aller ehemaligen Präsidenten von Finnland. "Ja, wir haben einen Raum für die Frauen von allen", Halonen lacht breit. "Euer Kanzler braucht allein für seine Frauen ein ganzes Zimmer." Jetzt hängt auch ein Mann da. Der Ehemann von Tarja Halonen. "Theoretisch ist er emanzipiert. Aber er ist der typische Mittelklasse-Mann", mault die aus einer Arbeiterfamilie stammende Präsidentin und betrachtet das Ölgemälde kritisch. "Der macht nicht das, was die Ehefrauen für ihre Präsidenten tun. Keine schönen Dinner und so. Und Blumen nimmt der auch nicht entgegen, die drückt er dann immer mir in die Hand, so griesgrämig. Aber jetzt gebe ich sie ihm einfach zurück und sage: Also, ich muss jetzt da 'rauf und 'ne Rede halten."

Als ich eine Stunde später die Lampe durch den Regen zurücktrage, habe ich das Gefühl, diese Situation schon einmal erlebt zu haben. Irgendwann war da etwas mit einer Lampe ... einer Lampe ... einer Lampe ... Damals hatte ich ebenfalls exakt eine Stunde Zeit. Ich bin 23 Jahre alt und habe einen der ersten Fototermine meines Lebens und weiß noch nicht, dass ich an diesem Tag die letzten Fotos von Simone de Beauvoir machen werde. Sie stirbt drei Wochen später. Doch an diesem Tag sitzt sie sehr lebendig auf dem Sofa in der Rue Schoelcher Nummer 11 und wartet. Und meine Hedler-Lampe passt nicht in die Steckdosen. Denn die sind in dem Apartment von Beauvoir seit dreißig Jahren nicht erneuert worden. Alice Schwarzer, die mir den Termin vermittelt hat, rast in den Hausflur. Sie klingelt Sturm bei den Nachbarn, mit fliegenden Haaren und der Verlängerungsschnur in der Hand. Die ziehen es vor, nicht zu öffnen. Simone de Beauvoir sitzt auf dem Sofa und trommelt mit den Fingern auf die Tischplatte. Es endet so, dass Alice auf dem Boden liegt und den Stecker in die Dose presst. Die Lampe brennt, und Beauvoir lächelt. Die Locken von Schwarzer ragen bei einem der Fotos ins Bild.

Februar 2006. Ich stehe im Kanzleramt - oder genauer im Kanzlerinnenamt. Vier Lampen und zahlreiche Ersatzlampen stehen parat. Besser ist es. Es war nicht leicht, den Termin zu bekommen, meinen allerletzten für dieses Buch. Drei Mal habe ich Angela Merkel bisher fotografiert. Im Herbst 2000, bei einem sehr kontroversen Streitgespräch mit Alice Schwarzer, zu dem die CDU-Frauen geladen hatten; im August 2005, als ich die Kanzlerkandidatin für das Cover von EMMA fotografiere (wo ich für das Porträt exakt drei Minuten Zeit habe); und am 22. November 2005, ich beobachte sie von der Reportertribüne des Bundestages, Angela Merkel wird zur ersten deutschen Bundeskanzlerin gewählt.

Jetzt steht sie also vor mir, die Kanzlerin, zwischen der europäischen und der deutschen Fahne, und hat schlechte Laune. Zumindest keine Lust, für die Kamera zu posieren. Hinter ihr liegt eine Serie von Auslandsreisen. Washington, Moskau, Israel. Und sie findet heute morgen: Sie fotografieren viel zu langsam, Frau Flitner!

Köln, März 2006

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