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Das andere Europa

Europäerinnen im Portrait

Jürgen Nielsen-Sikora zu Besuch bei Bettina Flitner, die in Ihrer Fotoausstellung „Die Europäerinnen“ europäische Frauen der Gegenwart portraitiert.

Europa feiert in diesen Tagen den 50. Jahrestag der Römischen Verträge, und mit Angela Merkel führt zum ersten Mal in Deutschland eine Frau den EU-Vorsitz an. Grund genug, sich mit der Rolle des „anderen Geschlechts“ in Europa auseinander zu setzen. Jürgen Nielsen-Sikora besuchte deshalb die Kölner Fotografin Bettina Flitner, die nicht nur Angela Merkel, sondern über sechzig weitere „Europäerinnen“ in Szene setzte.

Nicht Rom. Nicht Brüssel. Nicht Berlin. Auf der Suche nach Europa lande ich ausgerechnet in der Kölner Südstadt. Eine Straßenbahnfahrt, kaum länger als eine halbe Stunde, schon öffnet sich mir die Tür zu einer anderen Welt, einer faszinierenden Welt der Bilder. Ein idealer Ort, um über Europa zu schreiben. Schließlich ist Europa ein Gehäuse, dessen Bausteine Bilder sind. Und über Bilder, vor allem, welches Bild wir von Europa haben, lohnt es allemal, nachzudenken. Das große, sonnendurchflutete Foyer des Kunstforums lädt dazu ein. Nur noch eine Treppe hinauf, die Brüstung entlang bis zum Ende, die letzte Tür auf der linken Seite – dort wartet die Fotografin Bettina Flitner auf mich. Vergangene Woche ist ihre Ausstellung „Europäerinnen“ in Madrid eröffnet worden. Brüssel folgt in diesem Monat. Ich betrete das erste der beiden geräumigen Atelierzimmer. Mein Blick fällt auf das Doppelportrait der finnischen Schauspielerin Kati Outinen. In sieben Filmen von Aki Kaurismäki hat die Professorin aus Helsinki mitgewirkt. Mittlerweile sind es über sechzig Frauen, die Bettina Flitner fotografiert hat. Die ehemalige Cutterin beim WDR wurde bereits für ihre ersten Filme mehrfach ausgezeichnet. Als Fotografin erhielt sie unter anderem den Chargesheimer-Preis der Stadt Köln und den „Rückblende“-Sonderpreis für politische Fotografie. Ihre fotografische Arbeit hat stets seriellen Charakter. Bilder werden häufig mit Texten kombiniert. Die zwischen dokumentarischem Journalismus und inszenierter Fiktion changierenden Portraits, oftmals überlebensgroße Fotoskulpturen, lösen nicht selten kontroverse Debatten aus. Für das Projekt „Europäerinnen“ bat sie neben Angela Merkel auch die ehemalige französische Ministerin für europäische Angelegenheiten Claudie Haigneré und viele andere vor die Kamera. Auch die norwegische Politikerin Gro Harlem Brundtland, die finnische Staatspräsidentin Tarja Halonen, die Schachspielerin Judith Polgar, Alice Schwarzer und Miep Gies, die Anne Frank vor den Nazis versteckte und ihr Tagebuch rettete, setzte Flitner eindrucksvoll in Szene.

Die Europäerinnen
„Mich interessieren die Frauen nicht als Funktionsträgerinnen. Mich interessiert ihr Lebensweg“ sagt Bettina Flitner, die für ihre Portraits quer durch Europa gereist ist. Angefangen habe das Projekt Mitte der 90er Jahre. Damals suchte die Emma-Redaktion, mit der sie zusammenarbeitete, ein Bild von Christiane Nüsslein-Volhard. Doch es gab kaum Fotos der Medizin-Nobelpreisträgerin von 1996. Dies war einer der Anlässe für ihr Projekt. Der andere: Paul Swiridoffs Fotoband „Gesichter einer Epoche“. Dieser zeigte nämlich Fotografien von Zeugen des 20. Jahrhunderts aus Kunst, Literatur, Theater, Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Philosophie, doch waren die meist männlich. Grund genug für die Fotografin, nach den Frauen zu suchen, die Europa in den vergangenen Jahren mitgeprägt haben. Sie schrieb Botschaften an, bat Kollegen um Mithilfe und telefonierte mit Journalisten, um jene Frauen zu finden, die in ihren Heimatländern eine herausragende Rolle spielen. Aus all den Zuschriften und Vorschlägen musste sie notgedrungen eine subjektive Auswahl treffen. „Bei einigen war das einfach. Gro Harlem Brundtland wurde so oft genannt, dass sie von Anfang an in der Auswahl war.“ Auch Miep Gies stand für sie von vornherein fest. Die 1909 in Wien geborene ehemalige Sekretärin von Anne Franks Vater lebt heute in Amsterdam. Über die Begegnung mit ihr schreibt Bettina Flitner eindrucksvoll in ihrem Buch „Frauen mit Visionen. 48 Europäerinnen“. Die Idee, europäische Frauen in einem Fotoband vorzustellen, hatte sie schon länger, den letzten Auslöser für die Verwirklichung gaben schließlich die Fotoarbeiten von Annie Leibowitz, die berühmte und weniger berühmte Amerikanerinnen der Gegenwart, egal welcher Hautfarbe und Profession sie angehören, ablichtete.

Auf meine Frage, ob sie Europa allein geografisch verstehe, antwortet Bettina Flitner: „Nicht nur geografisch. Der kulturelle Aspekt spielt eine ebenso wichtige Rolle.“ Sie schildert mir die neuen Verbindungen, die sich nach dem Ende des Ost-West-Konflikts aufgetan und das „alte“ Europa wieder zum Vorschein haben kommen lassen. Die Staaten Europas, die ihre lange währende Feindschaft überwunden haben, bildeten nun, so die Fotografin, ein Netz mit einer langen Geschichte. Und an dieser Geschichte haben auch die Frauen einen Löwenanteil. So sagt Claudie Haigneré in Anspielung auf den Astronauten Neil Armstrong, als sie im August 1996 ins All startet: „Ein großer Schritt für die Menschheit – denn die hat zwei Geschlechter.“

Eines der beiden Geschlechter hat Bettina Flitner fotografisch festgehalten, nach strenger Konzeption, wie sie dies bislang immer getan hat: Bei allen Europäerinnen steht einem Schwarz-Weiß-Portrait ein Farbbild gegenüber, das die Frauen in einer für sie typischen oder symbolisch zugespitzten Umgebung zeigt. Die Biologin Nüsslein-Volhard badet mit geschlossenen Augen in einem Teich, eine Uhr wacht über die gehetzt wirkende Franka Potente, die durch den Film „Lola rennt“ bekannt wurde. Die Architektin Dörte Gatermann posiert auf einer Baustelle vor dem Kölner Dom. Daneben kommen aber auch immer wieder persönliche Accessoires ins Spiel. Bei Simone Veil, der ehemaligen Präsidentin des Europäischen Parlaments, ist das ein Holzkästchen ihrer von den Nazis ermordeten Mutter. „Ein Kinderauto aus Blech, eine handgenähte Puppe, Anstecker, ein Schlüssel. Überreste einer verlorenen Kindheit“ schreibt Bettina Flitner in ihrem Vorwort.

Simone de Beauvoir und Marion Gräfin Dönhoff hat sie fotografiert kurz bevor sie starben. Es sind Dokumente einer „anderen“ europäischen Kulturgeschichte. De Beauvoirs Buch „Das andere Geschlecht“ betont die in der Geschichte bis dato meist stillschweigend übergangene Perspektive der Frauen und plädiert dafür, ihre Erlebniswelten zu entdecken, ja mehr noch, sie Teil des wissenschaftlichen und politischen Diskurses werden zu lassen. Die akademische Welt, die Öffentlichkeit und die Studentenbewegung haben de Beauvoirs Buch kontrovers diskutiert. Alice Schwarzer hat die Thesen der Französin in Deutschland populär und politisch fruchtbar gemacht. Die andere „Grand Dame“ europäischer Kultur im 20. Jahrhundert, Marion Gräfin Dönhoff, war Chefredakteurin der Zeit, später deren Herausgeberin. Sie setzte sich für die neue Ostpolitik der Bundesregierung unter Willy Brandt sowie für die Völkerverständigung in Europa ein und erhielt 1971 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Diese Geschichte, die teils abseits der „großen Politik“ vonstatten ging und an der viele Frauen beteiligt waren, will Bettina Flitner mit ihren Fotos offenlegen. Die beinahe lexikalisch wirkenden Informationen zu den Portraitierten von Alice Schwarzer sind dem Bildbetrachter dabei eine große Hilfe. Denn kaum jemand wird all die Namen kennen, die Bettina Flitner zu Papier gebracht hat. Neben bekannten Gesichtern wie Pina Bausch, Regine Hildebrandt, Elfriede Jelinek, Ayaan Hirsi Ali und Marlene Streeruwitz sind Namen wie Teresa Cordopatri, Ceija Stoika und Marleen Gorris wohl weniger geläufig. Einige europäische Länder fehlen noch. Frauen aus Spanien und Portugal hat Bettina Flitner kürzlich besucht, Griechinnen folgen bald. Dieser fotografische Fahrplan verleitet mich zu der Frage, wo denn das Europa ende, welches sie portraitiere. Die Grenzen der Union hat sie ja bereits hinter sich gelassen, die Schweiz, Norwegen, Russland und die Ukraine besucht. Was also ist mit der Türkei? lautet eine aktuelle Gretchenfrage. „Ja“ sagt sie, „auch die gehört für mich mit dazu.“ Vielleicht bereichern demnächst also auch Elif Şafak, Nilüfer Göle oder andere türkische Frauen Flitners Projekt.

Doch zunächst stehe Kerneuropa auf dem Programm. „Vielleicht noch einmal Frankreich“ – falls Marie-Ségolène Royal als Kandidatin der französischen Sozialsten am 22. April die Präsidentschaftswahl gewinne. Nun tritt das Lächeln auf ihren Lippen stärker hervor. Doch erst jetzt fällt mir auf, dass es eigentlich die ganze Zeit da war. Zuversicht und Optimismus strahlen aus ihren Augen. Dennoch kann ich mir nicht vorstellen, wie das gehen soll; ein Anruf bei Frau Royal und ab zum nächsten Foto-Shooting? – Das sei nun nicht mehr so schwierig wie zu Beginn des Projekts: „Inzwischen kann ich eine beeindruckende Reihe großer Europäerinnen vorzeigen. Die Namen und die Qualität der Arbeit, das überzeugt jetzt ganz von selbst.“ Das Bild von Merkel zwischen der europäischen und der deutschen Fahne, die schmale Schatten an die Wand werfen, gefällt mir besonders gut. Dazu die Flügel des Adlers, die ihr aus dem Rücken wachsen. „Europa verleiht Flügel“, kommt mir in den Sinn, aber ich spreche es nicht aus. Für das Foto hatte Bettina Flitner nur wenige Minuten. Die knappe Zeit störe sie manchmal bei der Arbeit. Auch die Crews, die um die Spitzenfrauen herum agieren, sind oft lästig. Es kommt vor, dass sie einige wegschickt, um in Ruhe fotografieren zu können. Hartnäckig und bestimmt, aber freundlich. „Sonst geht gar nichts“. Und das glaube ich ihr aufs Wort.

Und wo ist Europa?
Das Europäerinnen-Projekt ist konsequent. Schließlich war Europa eine Frau. Im antiken Mythos wird sie von dem Göttervater Zeus geraubt. Im Gewande eines weißen Stiers entführt er die kanaanitische Königstochter übers Meer nach Kreta, verwandelt sich dort in einen Adler und vergewaltigt sie. Europa gebiert drei Kinder. Die Brüder der Europa machen sich auf Geheiß des Vaters auf die Suche nach der Schwester. Auf ihrer Reise gründen sie zwar Weltreiche, doch Europa bleibt unauffindbar. Der ungarische Schriftsteller Peter Esterházy kommentiert diesen Mythos mit der Feststellung: „Europa kann man nicht rauben. Genauer gesagt: sollte es geraubt worden sein, dann ist das, was an seiner Stelle geblieben ist, Europa. Denn Europa ist auch dann eins, wenn es wirklich auseinandergefallen ist. Europa ist, was es ist. Es gibt keine Klammern und Anführungsstriche. Das ist nicht etwas, was wir erreichen könnten, sondern da ist das Ganze, und darin sind wir, und die Frage ist, was dieses Ganze ist.“

Das, was an Stelle der geraubten Europa geblieben ist, ist also Europa. Somit hat der Raub eine Lücke aufgerissen, in die hinein seit geraumer Zeit Ideen von Europa projiziert werden. Fast immer ging es in diesen Ideen um politische Neuordnungen auf dem europäischen Kontinent. Der Wiener Kongress von 1815, der Versailler Vertrag von 1919, die Erklärung Robert Schumans vom 9. Mai 1950 und last but not least die am 25. März 1957 unterzeichneten Verträge von Rom legen hiervon Zeugnis ab. Bettina Flitner hingegen hat einen völlig anderen Zugriff auf Europa gewählt, der eine Diskussion lohnt. Denn sie legt mit ihren Fotografien einen Finger in die offene Wunde, die die antike Europa bis heute hinterlassen hat. Gegen die Übermacht von Politik und Wirtschaft stellt sie das kulturelle Europa, gegen die Übermacht der Männer, die Europa gestaltet haben, stellt sie ihre „Europäerinnen“, die – manchmal fast unbemerkt – Europa mitgeprägt haben in ihrem Kampf gegen Kriminalität und Korruption, gegen Unterdrückung und Vergessen; Frauen, die einstehen für Verständigung und Gleichberechtigung, für Mut, aber auch für Macht.

Wo also ist Europa, da die antike Gestalt nicht mehr auffindbar ist? All die von Bettina Flitner fotografierten Frauen symbolisieren sie auf ihre ganz eigene, einzigartige Weise. Wenn Europa in diesen Tagen feiert, dann sollte es auch diese „Europäerinnen“ feiern. Die Ausstellungseröffnung am 8. März in Brüssel böte hierzu einen geeigneten Anlass.

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