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Fotoforum 2/2006

Frauen mit Visionen

von Marc Peschke 

 

Seit vier Jahren reist die Kölner Fotografin Bettina Flitner durch Europa,
um „Frauen mit Visionen“ zu fotografieren. Das Ergebnis ihres Projektes ist
nun in der Ausstellung Europäerinnen im Stadthaus Ulm und im gleichnamigen
Bildband zu sehen – oder vielmehr der Zwischenstand, denn Europäerinnen ist
ein Werk, das kein Ende kennt. Bettina Flitners Fotografien beeindrucken
durch aussergewöhnliche Bildideen und erzählen von Frauen, die über sich
selbst hinaus denken.


Sehr unterschiedlich sind die Frauen, die Bettina Flitner in Form von
Doppelporträts – jeweils ein Schwarzweissporträt, ergänzt um eine
Farbaufnahme, welche die Porträtierten in einer typischen Umgebung zeigt –
vorstellt. Miep Gies etwa, die Amsterdamerin, die Anne Frank versteckte. Die
Medizin-Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard und Franka Potente,
die Schauspielerin aus „Lola rennt". Sie konnte Marion Gräfin Dönhoff kurz
vor ihrem Tod in Blankenese fotografieren und traf die Mafia-Gegnerin
Baronessa Cordopatri in Kalabrien.


Und noch mehr „Frauen mit Visionen“ lernte Flitner kennen: die englische
Dirigentin Sian Edwards und die Ungarin Judith Polgar – die beste
Schachspielerin der Welt. Die ehemalige norwegische Ministerpräsidentin Gro
Harlem Brundtland, die polnische Bildhauerin Magdalena Abakanovicz, Simone
Veil, die Auschwitz überlebt hat und die ungarische Opernsängerin Ilona
Tokody. Anita Roddick, die Gründerin der Body-Shop-Kette oder die
italienische Fotografin Letizia Battaglia. 48 Frauen fanden Eingang in ein
grosses Fotobuch, das nun im Knesebeck-Verlag erschienen ist. Doch ein Ende
ist nicht abzusehen. Die „Europäerinnen“, das ist ein „work in progress“.
Ein Werk, das kein Ende kennt.


Bettina Flitner kann herrlich über ihre Fototermine erzählen: „Da stehe ich
im Damenzimmer des Palastes. Goldene Stühle, goldene Bilderrahmen, goldene Lüster. Das Parkett glänzt. Es ist 14:25 Uhr. Genau eine Stunde habe ich Zeit. Eine Stunde der Präsidentin des Landes für mein Projekt. Seit drei
Monaten ist dieser Termin verabredet. Gerade ist meine Blitzlampe
kaputtgegangen. Draussen giesst es, und hier drinnen ist es stockfinster. Eine
Lampe, eine Lampe. Der Fotoladen! Da war doch dieser Fotoladen neben dem
Präsidenten-Palais. Wieder vorbei an den Sicherheitsbeamten, hinaus in den
finnischen Regen. ‚Aber wenn ausgerechnet jetzt Leute kommen und Passbilder haben wollen’, jammert der Besitzer, als ich ihm die Blitzlampe abbaue. ‚Bei dem Wetter’, beruhige ich ihn und renne mit der Lampe unterm Arm aus dem Laden und zurück Richtung Palast. 14:55 Uhr. Die Lampe steht, die Präsidentin kann kommen.“


Bettina Flitner fotografiert Frauen aus Europa, grossformatig, in Farbe und
auch Schwarzweiss – Frauen, die Europa prägen. Sie kommen aus dem
Kulturbereich, aus Wirtschaft oder Politik, sie sind Philosophinnen oder
Schriftstellerinnen. Sie sind höchst unterschiedlich, nur eines verbindet
sie: Sie sind Frauen, die über sich selbst hinaus denken, wie Bettina
Flitner einmal gesagt hat.


Am Anfang des Projekts stand die Recherche. Deshalb schrieb Flitner im
Frühjahr 2001 Botschaften, Goethe-Institute, Journalisten und Freunde an –
mit der Bitte, ihr Frauen zu nennen, die keinesfalls fehlen dürften. Es
folgte die Zeit des Sortierens und dann hatte Flitner eine Auswahl getroffen
– „das Ergebnis einer breit gefächerten, objektiven Recherche und meines
subjektiven Zugriffs."


Im Sommer des Jahres 2001 beginnt Bettina Flitner zu fotografieren. Sie
reist durch Europa. Besucht die Komponistin Olga Neuwirth, die schwedische
Krimiautorin Liza Marklund oder die rumänisch-deutsche Autorin Herta Müller,
die sie zwischen Parkverbotsschildern zeigt. Sie stellt die Frankfurter
Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen zwischen stachelige
Kakteen und Alice Schwarzer in ein Sonnenblumenfeld. „Vor jedem einzelnen
Termin versuche ich, so viel wie möglich über die Menschen zu erfahren. Ich
lese über sie und von ihnen, befrage andere, schaue mir ihre Umgebung an,
damit ich eine Haltung ihnen gegenüber habe. Mehr wissen heisst ja immer auch mehr sehen.“


Fototechnisch beschränkt sie sich: Flitner arbeitet meistens ohne Blitz mit
einer Mamiya RZ 6 x 7 Mittelformat, mit einem 110-mm-Objektiv für die
Farbaufnahmen und 180 mm für die Porträts. Der Film war fast immer ein Fuji
800 Negativ: „Der ist bei dem Format immer noch wunderbar feinkörnig und man ist auf alle Lichtsituationen vorbereitet. Die Porträts sind auch mit diesem Farbnegativfilm gemacht, und dann digital in Schwarzweiss umgewandelt.“ Man sieht vielen ihrer Fotografien an, dass sich die Gezeigten öffnen.
Aussergewöhnliche Bildideen machen einen Reiz der Serie aus. Zum Beispiel,
wenn Flitner Claudie HaignerÈ in einen alten russischen Raumanzug steckt:
„Es kostet mich einige Überredung, dass das wertvolle Stück aus dem
Glaskasten genommen wird. Und weitere Überredung, dass Claudie HaignerÈ sich in genau diesem Anzug in das Ginstergestrüpp stellt …"


Die Lebensgeschichten all dieser Frauen, so Bettina Flitner, erzählen von
alltäglichen Widerständen, aber auch vom Mut, diese zu überwinden, und – wie es einigen gelungen ist – in Männerdomänen Fuss zu fassen. Flitner sagt aber auch „Das Abenteuer der Frauen in Europa hat gerade erst begonnen." Von diesem Abenteuer erzählen die Gesichter.



Vielleicht ist es wichtig zu wissen, dass die 1961 geborene Bettina Flitner keine ausgebildete Fotografin ist. Sie absolvierte eine Ausbildung als
Cutterin beim WDR, machte Filme und studierte an der „Deutschen Film- und
Fernsehakademie“ in Berlin. Erst seit Anfang der neunziger Jahre rückt die
Fotografie in den Mittelpunkt ihrer Arbeit. Die Bezüge zum Film sind
deutlich: Es sind „Themen", die Flitner interessieren, nicht das Einzelbild
– so qualitätsvoll es oft ist. Bevor sie fotografiert, stellt sie Fragen.
Sie lässt sich Zeit. Bild-Text-Kombinationen sind häufig bei Flitner, etwa in der Serie über rechtsradikale Jugendliche, die sie in sehr präzisen Farbporträts abbildet, aber auch in Selbstzeugnissen zu Wort kommen lässt. Sie fasst „heisse Eisen"an, wie etwa ihre Serie über Sextouristen in Bangkok zeigt. Sie ist da, wenn es darauf ankommt. Etwa 1989, als sie ihre „Reportage aus dem Niemandsland“ veröffentlichte, eine Fotoserie, die sie in der Zone des ehemaligen Todesstreifens fotografiert hat.


Seit Beginn ihrer Arbeit als Fotografin arbeitet Flitner gerne raumbezogen.
Sie zeigt ihre oft lebensgrossen Werke im öffentlichen Raum, auf Plätzen, an
Strassenecken. Ausgehend vom Realismus des Tatsächlichen versucht Flitner
vorsichtige Neuinterpretationen. Das inszenatorische Prinzip, die Arbeit mit
Kostümen und Requisiten – seit Jahren ein wichtiger Strang aktueller
Fotokunst – schimmert durch viele ihrer Foto-Essays.


Das wichtigste aber: Immer fotografiert sie Menschen. Menschen, die den
Betrachter herauszufordern scheinen, über sich selbst und die Welt
nachzudenken – und darüber, was der Einzelne tun kann, diese besser zu
machen. Insofern ist Bettina Flitner im besten Sinne eine politische
Fotografin. Jetzt sind ihre „Frauen mit Visionen“ im Stadthaus in Ulm zu sehen – insgesamt fast 50 Porträtessays, darunter 21 Grossporträts im Format 2,50 x 3 Meter, die in der dritten Etage des Ausstellungshauses, wie Bettina Flitner sagt, in einer „Hall of Fame" gipfeln.
 

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