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Frankfurter Neue Presse, 24.05.2005
Marcus Hladek

Am Anfang steht die Verwunderung

Bettina Flitner zeigt bis 4. Juni in der Deutschen Bibliothek Frankfurt ihre
Fotografien von "Frauen mit Visionen".

Am Anfang, so schildert es die Fotografin (mittelgroß, offenes Gesicht, Strubbelhaar), stand die Verwunderung. Wie war es möglich, dass von einem
Kaliber wie Christiane Nüsslein-Volhard, der das Nobelpreis-Komitee soeben
für ihre Fruchtfliegen-Versuche die höchste Auszeichnung zugesprochen hatte,
keine besseren Fotos für die Zeitschrift "Emma" zu haben waren als das
unscharf vom Gatten aufgenommene im Garten? Das war 1995. Fünf, sechs Jahre
dauerte es danach noch, bis Flitner sich, um Abhilfe zu schaffen, in die
Recherche für ihre Fotoserie von europäischen "Frauen mit Visionen"
reinkniete.

Seit 2002 reiste sie von West nach Ost, von Palermo bis Helsinki. Da war längst klar, dass die Wissenschaftlerin Nüsslein-Volhard kein Einzel-, schon gar kein Zufall war. Das Gesicht des Kontinents, erkannte Bettina Flitner, war weithin ein männliches. Wo blieb das weibliche Europa? Wo waren die "starken" Frauen als Vorbilder für ihresgleichen?

Knapp fünfzig herausragende Persönlichkeiten wurden es später. So viele umfasst ihr Bildband. Die Ausstellung in der Deutschen Bibliothek Frankfurt zeigt ein Konzentrat daraus. Hatte Flitner das ursprüngliche Auswahlkriterium "bedeutender Europäerinnen" durch Rückfragen bei Auslandsjournalisten, Konsulaten und Goethe-Zentren konkretisiert, so wartet die Deutsche Bibliothek mit Porträts und Texten zu fünfzehn Schriftstellerinnen, Journalistinnen und Philosophinnen auf. Einzig die Philosophin und Schriftstellerin Simone de Beauvoir nahm Flitner bereits 1986 auf.

Der verbindende Serien-Charakter ergibt sich daraus, dass jedem einzelnen
Foto-Essay ein Schwarzweiß-Porträt voransteht. Selbst dies lässt Spielräume:
von Marlene Streeruwitz' Marmorblässe bis zum zerfurchten, grautönereichen
Groß-Porträt von Benoite Groult ("Salz auf unserer Haut"). Österreichs neue
Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek verdankt ihrem Wasserleichen-Teint gar
das Privileg, als einzige in Farbe porträtiert zu sein.

Bei den restlichen zwei bis drei (Farb-) Bildern nahm sich Flitner mehr Freiheit. Gern spielt sie auf werk-/ biografische Tatsachen an und spioniert die Umgebung aus. Auf
Margarete Mitscherlich ("Die Unfähigkeit zu trauern") blicken wir zwischen den Kakteen im Frankfurter Palmengarten hindurch, wo die Psychoanalytikerin oft spazieren geht. Schriftstellerin Groult ist ganz klein auf den Stufen ins Meer zu sehen, bei ihrem Strandhaus in der Bretagne. Die Romanautorin Herta Müller steht unter ausrangierten Straßenverbotsschildern, was ihr, die so viel über das Leben im totalitären System schrieb, arg missfiel, bis sie das Ergebnis sah und Flitner Recht gab.

Miep Gies, die Anne Franks nachmalig berühmtes Tagebuch rettete und später
darüber schrieb, ist hochbetagt im Porträt und unter Haufen von Dankbriefen
zu sehen, die sie täglich empfängt. Assia Djebar, die als Verfasserin erotischer Literatur zwischen Paris und Algier allemal ihre Spanne Frausein erlitten hat, nicht zuletzt ein zehnjähriges Verstummen, steht bei Flitner im sinnlich-roten Kleid vor einer massiven Säule: ein Sinnbild harten, aber fröhlich behaupteten Lebens vor der betonierten Macht.

Einen Ehrenplatz nimmt endlich die Publizistin Alice Schwarzer ein, die auch die informativen Kurzbiografien verfasste. Flitner zeigt sie einmal in einem Feld von
Sonnenblumen ("Sie gibt so viel Energie ab"), dann noch in einer Situation, in der Flitner sie gut kennt: Im Zentrum eines kleinen, hoffnungsvollen Lichtflecks in der verdunkelten Redaktion - eine versunkene Intellektuelle als "Hieronyma im Gehäus".

Bis 4. Juni in der Deutschen Bibliothek Frankfurt, Adickesallee 1 . Montags
bis donnerstags 10-20 Uhr, freitags 10-18, samstags 10-17 Uhr. Eintritt
frei. Telefon (069) 15 250. Internet <http://www.ddb.de.> Der Fotoband
"Frauen mit Visionen" ist für 39,90 Euro in der Ausstellung erhältlich.

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