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Frankfurter Allgemeine Zeitung vom 24.05.2005

Jenseits des Küchenherds:
Bettina Flitner fotografiert große Europäerinnen
von Kristina Deutsch

 

„Talentierte Frauen, von denen es etliche gibt, kochen Kaffee für die Titanen und Geschickelenker und opfern sich auf dem Altar der Haushaltsführung und Kinderaufzucht.“ Das war die Antwort eines Korrespondenten aus Budapest auf Bettina Flitners Bitte, ihr die bedeutendsten ungarischen Frauen zu nennen.

Seit dem Frühjahr 2001 hatte die Fotografin Hunderte solcher Bittbriefe geschrieben, um für ein Buch die bedeutendsten, interessantesten und wichtigsten europäischen Frauen in allen Bereichen ausfindig zu machen. Dazu wandte sie sich an Botschaften, Goethe-Institute, Korrespondenten und Freunde. Fast immer kamen Vorschläge. „Von so mancher kannte ich nicht einmal den Namen, als meine Recherche begann,“ schreibt sie im Vorwort ihres Bildbandes „Frauen mit Visionen“, der achtundvierzig Europäerinnen vereint. Fünfzehn von ihnen – Journalistinnen und Buchautorinnen – zeigt nun eine Ausstellung der Deutschen Bibliothek in Frankfurt. Jeder der Frauen ist eine kleine Serie gewidmet, wobei jeweils ein auf die Person abgestimmtes Schema erkennbar wird: Durchgängig zeigt Flitner das Gesicht in Schwarzweiß. Ein Farbbild erfaßt die Frauen in einer typischen Umgebung oder bei der Arbeit. Hinzu kommen Foto geliebter Dinge oder Attribute des Berufs.

Lange bevor Bettina Flitner mit der Serie begann, hatte sie Simone de Beauvoir porträtiert. Das war 1986, Flitner war gerade 23 Jahre alt und Beauvoir nahme sich eine Stunde Zeit. Vermittelt hatte den Termin Alice Schwarzer, die während der Aufnahmen auf dem Boden liegend den Stecker der Blitzanlage festhielt, weil der nicht in der alten Steckdose halten wollte.; so ragen nun ihre Locken in eines der Bilder. Es sollten die letzten Aufnahmen von Simone de Beauvoir sein, drei Wochen später starb die Schriftstellerin. Bettina Flitner zeigt ein wie gewohnt verhalten dreinblickende Beauvoir in ihrem Arbeitszimmer und folgt damit der Tradition der Literatenporträts. Doch waren es zuvor vor allem Männer gewesen, die, nicht zuletzt von Malern, an ihrem Schreibtisch und umgeben von ihrer Bibliothek inszeniert wurden. Flitner nutzte dieses Sujet fortan für Literatinnen: So ist in der Ausstellung etwa Marion Gräfin Dönhoff inmitten von Papieren und Erinnerungsstücken zu sehen.

Dass es auch frecher geht, beweist die Fotografin mit Aufnahmen der Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen, die seit den sechziger Jahren im Frankfurter Freud-Institut arbeitet. Erhobenen Hauptes steht sie im Botanischen Garten inmitten riesiger Kakteen, die in ihrer phallischen Form mehr sind als nur ein dezenter Verweis auf den berühmteren Kollegen. Eine andere Aufnahme zeigt sie herzlich lachend auf der Couch. Aus der Reihe fällt auch das Porträt der Philosophin Agnes Heller aus Budapest. Flitner nahme die zierliche Person im Treppenhaus auf. Keck steht sie neben einem an der Wand hängenden Mantel. Bei dem Misanthropen Degas war dies stets Hinweiis fr einen im Verborgenen anwesend männlichen Besucher und damit Symbol der weiblichen Abhängigkeit. Flitner hingegen lässt Agnes Heller für eine zweite Aufnahme in den Mantel schlüpfen, während sie den Blick geradezu fürstlich von der Empore aus über die Tiefen der Treppenschlucht schweifen lässt – eine Hommage an die Unabhängigkeit. - Unsere Abbildung zeigt Elfriede Jelinek.

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