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FAZ, 31.5.2005

Im Wollkleid bei 40 Grad
Fotos bekannter Europäerinnen in der Deutschen Bibliothek

Simone de Beauvoir, Elfriede Jelinek, Alice Schwarzer - starke und mutige Europäerinnen sind in der Ausstellung „Frauen mit Visionen“ der Deutschen Bibliothek Frankfurt zu sehen. Zwei Jahre lang reiste die Fotografin Bettina Flitner dafür durch ganz Europa. Sie sammelte Vorschläge von Botschaften, Goethe-Instituten, Stiftungen und Korrespondenten. „Ich wollte die Frauen so zeigen, wie sie sind“ sagt Flitner. „Die meisten Bilder von Frauen sind klischeehaft und weichgezeichnet. Lebensspuren und Stärke dürfen meist nicht zu sehen sein“. So entstanden zwischen 2001 und 2003 etwa 200 Fotografien von 60 europäischen Frauen aus Politik, Kultur, Wirtschaft und Gesellschaft. Für die Schau wurden 15 Autorinnen und Journalistinnen ausgesucht.

Kommentiert werden die Bildserien von Alice Schwarzer, die Kurzbiographien zu jeder Dargestellten verfasst hat. Flitner porträtiert die Frauen mal ironisch, mal distanziert, immer aber einfühlsam. Die Gesichter auf den Bildern blicken ernst, heiter, fragend, entschlossen oder verletzt. Jede Frau wird mit einer Bildserie von bis zu vier Fotografien gewürdigt. Stets bildet ein Doppelportrait den Mittelpunkt: Eine schwarzweisse Nahaufnahme des Gesichts, ergänzt durch ein farbiges Bild, das die Frauen in einer charakteristischen, oft symbolischen Umgebung zeigt. Nicht immer waren die Frauen mit der Kulisse sofort einverstanden. So liess Flitner die Autorin Herta Müller zwischen Verbotsschildern posieren, obwohl sie die Umgebung zunächst als „faschistoid“ ablehnte. „Als sie das Bild später in der Hand hielt, sagte sie mir erstaunt, sie fühle sich erkannt“, erzählt Flitner stolz.

Die Frankfurter Psychoanalytikerin Margarete Mitscherlich-Nielsen fotografierte die inmitten stacheliger Kakteen, Alice Schwarzer musste sich bei 40 Grad in einem Wollkleid in ein Sonnenblumenfeld stellen. Auch persönliche Gegenstände der Porträtierten nahm Flitner auf, um den Frauen so nah wie möglich zu kommen: Briefe an die Niderländerin Miep Gies, die die Tagebücher von Anne Frank rettete, Schubladen voller Wortschnipsel von Herta Müller oder den Schreibtisch von Marion Gräfin Dönhoff. Ungeachtet der Ausstellung und eines publizierten Bildbandes ist das Projekt für Bettina Flitner noch lange nicht abgeschlossen - zu viele bedeutende Frauen fehlen ihr noch in der Sammlung. Flitners Arbeiten sind eine gute Gelegenheit, grosse Europäerinnen kennenzulernen.

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