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Donau Kurier, 25.4.2004
Anja Witzke

 

"Mich interessierten Frauen, die die Welt voranbringen"

Bettina Flitner war zufällig in der Emma-Redaktion zugegen, als nach einem Foto von Christiane Nüsslein-Volhard gesucht wurde. Die Biologin hatte 1996 gerade als erste deutsche Frau gerade den Nobelpreis für Medizin erhalten. Und es war absolut kein Foto von ihr aufzutreiben. Keine Presseagentur besaß eins. Sogar das Max-Planck-Institut in Tübingen, dessen Leiterin sie seit vielen Jahren war, hatte kein offizielles Foto. Veröffentlicht wurde schließlich ein Bild, das eindeutig privater Natur war - und ein bisschen unscharf. Ihr Mann hatte es im Garten aufgenommen. Im Grund gab das den Ausschlag für Bettina Flitners Projekt: "Im Laufe der Zeit stellte sich heraus, dass es selbst von sehr, sehr bekannten Frauen keine Fotos gibt. Das war mir zuvor gar nicht so bewusst gewesen: In einer Welt voller Bilder gibt es kaum welche von Frauen." Unsere Redakteurin Anja Witzke unterhielt sich mit der Fotografin.

Sie schreiben im Vorwort vom Beginn Ihrer Recherchen, von den Briefen, die sie verschickten, mit der immer gleichen Bitte, Namen genannt zu bekommen von Frauen, von großen Europäerinnen, die in Ihrem Projekt auf keinen Fall fehlen dürfen. Und auch von den zahlreichen Faxen, Mails, Telefonaten. Wovon haben Sie sich letztlich bei Ihrer Entscheidung für diese 48 Frauen leiten lassen?

Bettina Flitner: Es war eine objektive Herangehensweise - und ein subjektiver Zugriff. Was mich interessierte, und das vereint alle Frauen miteinander, war, dass sie mit ihrem Denken und Handeln die Welt voranbringen. Dass sie über sich selber hinaus denken. Das trifft z. B. auf eine Künstlerin wie Magdalena Abakanowicz aus Polen, die riesige, meterhohe Figuren erschafft, genauso zu wie auf eine Politikerin, nehmen wir die Staatspräsidentin aus Finnland, Tarja Halonen, die aus Protest, weil keine weiblichen Bischöfe in der Kirche zugelassen sind, aus der finnisch-lutherischen Kirche ausgetreten ist. Frauen, die das machen, wovon sie überzeugt sind, sich nicht einschüchtern lassen. Das war das Kriterium.

Das erklärt wohl auch, warum keine beispielsweise keine Sportlerin in dem Band zu finden ist.

Bettina Flitner: Ich hätte gern eine Sportlerin gehabt, das muss ich zugeben. Ich wollte Steffi Graf fotografieren. So ein Jahrhunderttalent gehört eigentlich in den Band. Aber das hat nicht geklappt. Vielleicht beim nächsten Mal.

Wen hätten Sie denn noch gern dabei gehabt?

Bettina Flitner: Ich hatte Kontakt zu Isabel Hupert, die auch Interesse signalisierte. Aber es scheiterte schlicht und einfach an Termingründen.

Wie waren denn die Vorbereitungen? Wie steht es mit der Wahl des Ortes?

Bettina Flitner: Ich habe vorher immer um die Menschen rumrecherchiert. Habe mir etwas vorgenommen und die spezifischen Orte sehr viel früher aufgesucht. Aber oft hat sich erst bei den Gesprächen selbst ergeben, ob der Ort richtig ist. In dem Moment, wo ich die Frauen gesehen und mich mit ihnen unterhalten habe, habe ich die vorher gefassten Pläne doch wieder umgeworfen.

Können Sie ein Beispiel nennen?

Flitner (lacht): Eigentlich war es fast immer so. Die französische Astronautin Claudie Haigner hatte ich mir eigentlich ganz klassisch mit Sternen im Hintergrund vorgestellt. Aber dann stieß ich einen Tag vor dem Fototermin im europäischen Trainingszentrum der ESA in Köln auf einen russischen Raumfahreranzug aus den 70er Jahren und dachte: Das ist es! Es kostete einige Überredung, bis sich Claudie Haignere in genau diesem Anzug in diesen Ginsterwald stellte, der das Zentrum umgibt.

Gab es denn diesen einen immergleichen Satz, eine bestimmte Anweisung für die dargestellten Frauen?

Bettina Flitner: Es gibt eine Sache, nach der ich immer gefragt habe: Ob sie einen Gegenstand haben, der ihnen wichtig ist. Die französische Politikerin Simone Veil, die Auschwitz überlebt hat, holte ein Holzkästchen. Es war der einzige Gegenstand, der ihr von ihrer ermordeten Mutter geblieben ist. Ich öffnete das Kästchen. Darin waren Überreste einer verlorenen Kindheit: ein Kinderauto aus Blech, eine handgenähte Puppe, ein Schlüssel. Die ganze Stimmung zwischen uns hatte sich plötzlich verändert, das Kästchen stand offen vor uns. Für einen Moment offenbarte Simone Veil einen Blick in ihr Innerstes. Das hat mich sehr berührt.

Was hat Sie bei diesem Projekt aus der Fassung gebracht?

Bettina Flitner: Diese Geschichte mit Teresa Baronessa Cordopatri, die in Calabrien lebt und von der Mafia bedroht ist, hängt mir doch sehr nach. Das kann man sich einfach gar nicht vorstellen, dass - mitten in Europa - eine Frau, die einen Mörder vor Gericht bringt, um ihr Leben zittern muss. Und zwar jetzt mittlerweile seit zehn Jahren.

Spannend ist - neben den Biografien -, wie Sie die Frauen inszenieren: Warum steht z. B. die Schriftstellerin Herta Müller, Trägerin des Ingolstädter Marieluise-Fleißer-Preises, zwischen Parkverbotsschildern?

Bettina Flitner: Herta Müller kommt aus einer Diktatur. Und war immer schon von Verboten umstellt. Das ist auch das Thema ihrer Bücher.

Warum sitzt Kati Outinen auf einem Stuhl im Meer?

Bettina Flitner: Wasser verbindet Europa. (Überlegt kurz) Manchmal kann ich meine Wahl gar nicht richtig erklären. Da ist ein Stuhl. Da ist das Meer. Da ist Kati Outinen, die ihre Kindheit an dem Strand verbracht hat. Dann passt plötzlich alles zusammen.

Warum trägt Assia Djebar keine Schuhe?

Bettina Flitner: Sie ist vom Orient und vom Okzident geprägt und vereint heute diese beiden - gerade in dieser Zeit so unvereinbar scheinenden - Kulturen wie die arabische und die westliche Kultur. Sie trug zu dem Fototermin dieses schöne rote Kostüm. Und ich wollte auch ihre andere Kultur, ihre Wurzeln zeigen. Sie ist als Kind in Algerien barfuß in die Schule und als junge Frau im Kostüm auf die französische Eliteschule "Ecole Nationale Superieur" gegangen. Dieser Weg sollte in dem Foto mitschwingen.

Was haben Sie bei diesem Projekt gelernt?

Bettina Flitner: Ich habe gelernt, dass Europa eins ist. Dass die Länder zusammengehören. Dass ich in verschiedenen Ländern mit wenigen Sprachen auskomme. Dass wir alle eine gemeinsame Geschichte haben.

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