Boccassini klein 1 (5423 Byte )   Ilda Boccassini

Süddeutsche Zeitung 30. Juli 2004
Nicole Graner

 

Wenn Visionen das Leben reich machen
Die Foto-Künstlerin Bettina Flitner porträtiert Europäerinnen, die den Kontinent geprägt haben

Ihre Lippen sind halb geöffnet. So, als ob sie jeden Augenblick etwas sagen könnte. Große, klare Augen blicken fragend, gleichzeitig erstaunt und erwartungsvoll in die Welt. Sommersprossen machen das Gesicht der finnischen Schauspielerin Kai Qutinen zu einem Erlebnisparcours der Sinne – weich, feminin und fast ein wenig mystisch. Dieselbe Frau sitzt im blauen Kleid auf einem Stuhl – mitten im Wasser, den Kopf nach Osten geneigt. Abwarten, sprungbereit.

Die beiden Fotos wie Licht und Schatten, sind aus einem Guss, harmonisch. Wie alle 17 Fotosequenzen der Künstlerin Bettina Flitner, die derzeit im Foyer der Unterföhringer Swiss Re zu sehen sind. Das Spiel mit Licht und Schatten in jenem wunderbar weiten Raum des Swiss-Re-Foyers ist eine Komponente, die diese Ausstellung so sehenswert macht, die andere sind die herausragenden Fotos – eingebettet in ein Thema mit großem Anspruch: “Europäerinnen – Frauen mit Visionen“.

Bettina Flitner, ihr Name gilt schon seit langem als ein Markenzeichen für eigenwillige Foto-Konzepte, die oftmals einen dokumentarischen Charakter haben, aber meistens ganz persönliche Geschichten von rechtsradikalen Jugendlichen, von Menschen wie Du und ich, die Feindbilder projizieren oder im Sextourismus ihr Glück suchen. Immer sind es Dokumentationen, die eine Innenschau, eine neue Perspektive provozieren und kritisieren. Nie vordergründig, aber wirksam.

Auch die neue Bilderreihe tut das. Nie auf Kosten der Porträtierten, die Bettina Flitner einmal schwarz-weiß und ganz nah einfängt, das andere Mal farbig in eine Umgebung transponiert, die Wesen und Persönlichkeit besonders stark zum Ausdruck bringt. Drei Jahre lang ist die Fotografin durch Europa gereist und hat nach langen Recherchen Frauen ausgesucht, die etwas bewegt haben – im Sinne Europas, im Sinne der Gleichberechtigung. Frauen, die auf eine gewisse Weise unberührbar wurden durch ihre Visionen, durch das bedingungslose Ja zu sich selbst.

Da ist Letizia Battaglia, die das größte Fotoarchiv über die Mafia besitzt, da ist die „rote Ilda“ die, täglich bedroht, als Juristin einen Kampf gegen die Mafia führt, da ist Alice Schwarzer oder Judith Polgar, die den großen Schachmeistern mit weiblichen Instinkt und Können das Fürchten lernt. Da sind Politikerinnen, Künstlerinnen und Schriftstellerinnen – alle eint nur das eine: der Mut, ihren Weg zu gehen.

Ohne falsche Kompromisse, ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten einer oft männerorientierten Gesellschaft. Behutsam spielt Flitner mit Kontrasten. Nie wirken jene Bilder komponiert oder aufgesetzt. Es scheint fast so, als sei sie wie durch ein durchsichtiges Band auf magische Weise mit den Persönlichkeiten verbunden. Auch dann, wenn Flitner oft nur eine kurze Zeit mit den großen Frauen der Europäischen Geschichte verbringen konnte. Mit Frauen, deren Schicksal sie selbst so unberührbar, aber dennoch transparent, oft sogar zerbrechlich werden lässt.

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