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Welt am Sonntag, 8.8.2004
Christiane Hoffmans

 

Astronautin - Politikerin - Komponistin

Die Kölner Fotografin Bettina Flitner hat 48 Frauen porträtiert, die das moderne Europa prägen

Bettina Flitner  wurde 1961 in Köln geboren. Sie wuchs in Hamburg, Hannover, New York und Perugia auf. Mit 15 machte sie ihre ersten fotografischen Versuche, die sie jedoch schon bald wieder aufgab. Stattdessen entschied sie sich, eine Ausbildung zur Cutterin zu machen und studierte danach an der "Deutschen Film- und Fernsehakademie" in Berlin. Ihre Filme wurden vielfach ausgezeichnet. Doch die Fotografie hat sie nie losgelassen. Mit 23 arbeitete sie das erste Mal für die Zeitschrift "Emma" - als Foto-Aushilfe. Die Begegnung mit deren Chefredakteurin Alice Schwarzer trug Wesentliches zu ihrem "politischen Bewusstsein" bei.

Ihre ersten künstlerischen Arbeiten über die fremdenfeindlichen Übergriffe in Hoyerswerda oder die Trilogie "Mein Herz. Mein Feind. Mein Denkmal", in der Frauen über ihre Gefühle berichten, brachten der Künstlerin nicht nur Anerkennung. Denn ihre fotografischen Serien polarisieren - auch heute noch.

Eine solche formale Annäherung an die Fotografin Bettina Flitner könnte so auch in ihrem Fotoband "Frauen mit Visionen - 48 Europäerinnen" stehen. Die Texte dazu hat Emma-Chefredakteurin Alice Schwarzer geschrieben. Dieses Projekt hat Flitner vor drei Jahren begonnen und Anfang dieses Jahres abgeschlossen. Mit Erfolg, denn die Startauflage ist bereits vergriffen, die zweite Auflage ist schon in Druck.

An der schrägen Wand unter dem Küchenfenster in Bettina Flitners Kölner Atelier hängt eine Europa-Karte. Weiße, gelbe und rote Stecknadeln markieren die Orte, wohin die Künstlerin gereist ist, um die "starken und mutigen Frauen im Osten, Westen, Norden und Süden" zu fotografieren. Nach Helsinki zur finnischen Staatspräsidentin Tarja Holonen, nach Hamburg zu Marion Gräfin Dönhoff, nach Warschau zur Künstlerin Magdalena Abakanowicz, nach Littlehampton zur Body-Shop-Gründerin Anita Roddick, nach Wien zur Schriftstellerin Elfriede Jelinek, nach Berlin zu Franka Potente, nach London zur Menschenrechtlerin Irene Khan.

48 Mal hat sie Frauen aus Europa ein Gesicht gegeben, weil "Frauen weniger Öffentlichkeit haben als Männer". Das ist eine Begründung, aber nicht ihre Motivation. "Frau sein an sich ist noch kein Programm", so würde es Alice Schwarzer formulieren. "Ein Kriterium für die Auswahl war vielmehr, dass diese Frauen über sich selbst hinaus denken sollten. Sie sollten nicht nur ihre Karriere verfolgen, sondern sich auch für andere Menschen engagieren", sagt die Fotografin.

Bettina Flitner "treibt" sich rum. Das ist eine wichtige Vorbereitung für ihre Arbeit. Sie reist an, stellt ihren schweren Fotokoffer ab, fängt Stimmungen ein, erspürt das Umfeld des Ortes, an dem sie fotografieren will. In der Folge entwickelt sie erste Ideen für Motive. Nicht immer stoßen ihre Ideen auf Gegenliebe. So wollte sich die Astronautin Claudie Haigner partout nicht im Ginsterfeld fotografieren lassen. "Das sind die spannenden Momente, wenn eine Reibung zwischen der Person und dem Ort entsteht", sagt Bettina Flitner. Das gefällt der temperamentvollen Frau, und beinah aufgeregt gestikuliert sie dabei mit den Armen. Flitner konnte die Astronautin schließlich überzeugen - wie das Foto zeigt.

Die 48 Porträts, die so in den letzten drei Jahren entstanden sind, überraschen. Sie filtern Gefühle, Erfahrungen und Haltungen jeder Frau punktgenau heraus. Flitner bedient keine Klischees, keine Schönheitsvorstellungen der Mode- oder Kosmetikindustrie. Einfühlsamer, individualistischer, eigensinniger können Porträts kaum sein. "Das allerwichtigste ist, dass man ganz offen sein muss", sagt Flitner.

Erst mit 28 Jahren hatte sich Bettina Flitner entschieden, ihren Lebensunterhalt nur noch mit Fotografie zu bestreiten. Was sie in ihrer Zeit als Filmemacherin und Cutterin gelernt hatte, findet sich in ihren Fotos wieder. So arbeitet sie häufig mit Texten, die sie unter die Fotos platziert, entwickelt immer Serien. An Einzelbildern hat sie kein Interesse.

"Mein Name ist Margarete Schulze. Ich möchte ein Denkmal dafür, dass ich so viel durch hab'. In Zwickau in der Milchbar gearbeitet. 500 Mark im Monat und sechs Kinder. Mein Erster ist im Krieg gefallen. Mein Zweiter - immer zu Hause, herzkrank. Mein Jetziger hat es am Rücken, nur Sitzen und Liegen geht. Aber ich, ich kann steppen."

Dies ist ein Text aus der zwölfteiligen Arbeit "Mein Denkmal", mit der die Fotografin 1994 Furore machte. In der Kölner Fußgängerzone hatte sie Frauen angesprochen und gebeten, auf die Frage zu antworten: Haben Sie ein Denkmal verdient? "Diese Frage - so auf der Straße gestellt - hat die Frauen kalt erwischt", erinnert sich Flitner. Das sieht man den Arbeiten auch an. Die Körpersprache jeder einzelnen Frau verrät die Anspannung, die die Beantwortung ausgelöst hat.

Bettina Flitner ist neugierig. Mit ihren Bildern sucht sie Antworten auf Fragen, auf die sie sich selbst keinen Reim machen kann. Das gilt auch für politisch-gesellschaftliche Katastrophen wie Hoyerswerda. Nachdem das mediale Interesse verebbt war, machte sie sich auf den Weg in die Kleinstadt. Dort fotografierte sie die Nachbarn der Opfer. Dies versteht sie als Annäherung an das Unfassbare. Darin spiegelt sich die Haltung einer starken europäischen Frau.

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