Die Berlinerin, 12.9.2002
Eva Herbst

 

Ruhmeshalle für Europäerinnen

66 Porträts herausragender Europäerinnen versammelt die Fotografin Bettina Flitner 2004 in einer "Hall of Fame". Auch die Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, Franka Potente, Schauspielerin, oder Christiane Nüsslein-Volhard, Nobelpreisträgerin für Biologie, sind überlebensgroß zu sehen. Über ihre Arbeit und die erste Ausstellung in Berlin gibt die Künstlerin Auskunft.

"Rufen Sie die Guardia Finanza an, bestellen sie meine Leibwächter, sonst können wir nicht auf die Straße gehen." Wie lange das Leben der 70-jährigen Baronessa Teresa Cordopatri geht, weiß sie selber nicht. Den Mörder ihres Bruders und dessen ganze Verwandtschaft hat sie hinter Gitter gebracht. Der Kampf mit der Mafia führte zu lebenslanger Isolation in ihrer Stadt.

"Diese Frau hängt mir nach", sagt die Fotografin Bettina Flitner. Sie hat die Baronessa Cordopatri in Süditalien unter strenger Sicherheitsbewachung fotografiert: Am Meer, in der Kirche und im Zentrum der Hauptstadt Reggio in Kalabrien. Sie ist eine der Frauen, für die Bettina Flitner ein und ein halbes Jahr kreuz und quer durch ganz Europa gereist ist. Eine der bedeutenden "66+6 Europäerinnen", die 2004 in einer "Hall of Fame" mit jeweils einer Nahaufnahme in Schwarz-Weiß und einem inszenierten Farbmotiv zu sehen sind.

Frauen aus allen gesellschaftlichen Bereichen wie die Journalistin Marion Gräfin Dönhoff, die Politikerin Gro Harlem Brundtland oder Judith Polgar, Schachweltmeisterin, sind dann nebeneinander versammelt. "Ich habe schon früher oft Frauen porträtiert. So systematisch kann ich aber zum ersten Mal arbeiten", erklärt die Fotografin. Jedes Jahr sollen sechs weitere Porträts dazu kommen.

Gesichter Europas
90 Augenpaare blicken im September 2002 auf die Besucher des Museums für Kommunikation in Berlin nieder. Drei mal drei Meter groß sind die 45 Schwarz-Weiß-Nahaufnahmen von Gesichtern. "Schon eine halbe Stunde vor der Eröffnung standen die Menschen Schlange", berichtet Flitners Galeristin Gabriele von Loeper. "Das ist sehr interessant, mal was anderes in einem Museum", schwärmt Peter Torazynski, einer der wenigen männlichen Besucher.

Kritiker der Zeitung "Junge Welt" unken, ob das nur ein "Frauenruheraum" wird; einer, bei dem Frauen wieder unter sich bleiben. Im Museum selbst kommen jedoch viele interessierte Anfragen zum Projekt an. Die Auftraggeberin, die ehemalige Bundesministerin für Familie, Christiane Bergmann, sieht in der Ausstellung "das weibliche Gesicht Europas". Die Fotos werden in vielen Städten Europas zu sehen sein und dienen als Kontrapunkt zu der Vielzahl von bedeutenden Männern in den Geschichtsbüchern.

Bei der Auswahl der Frauen, die für Europa eine herausragende Rolle spielen, hatte die Fotografin freie Hand. "Am Anfang des Projektes habe ich eine objektive Recherche gestartet", erläutert die Künstlerin. Sie fragte bei Botschaften, Kulturinstituten, politischen Stiftungen, Journalistinnen und Expertinnen in  verschiedenen Bereichen an, welche Frauen sie denn wählen würden. Zu mehrfach genannten Frauen nahm sie Kontakt auf. Manchmal jedoch "kam aber außer mir keiner darauf, wie bei der Retterin von Anne Franks Tagebuch, Miep Gies aus den Niederlanden", gibt die 41-Jährige zu bedenken.

Meist sind es für sie spannende Begegnungen. "Das ist unabhängig von der Bekanntheit der Personen", erklärt Fotojournalistin Bettina Flitner. Sie liest sich im Vorhinein ein, um zu wissen, was die Frauen bislang gemacht haben. Oft schaut sie sich schon zwei Stunden vorher die Umgebung der zu porträtierenden Frauen an. "Eigentlich arbeite ich ohne Blitzlicht", führt die Fotografin aus. Doch bei Marion Gräfin Dönhoff war es stockdunkel im Raum: Draußen tobte ein Gewitter. Da musste Flitner das künstliche Licht einsetzen.

"Zentral ist es beim Fotografieren, die Augen ganz weit auf zu machen und mich auf die Person einzulassen." Im Dialog mit den Frauen entstehen meist drei bis vier Motive. Ein nahes Porträt und ein inszeniertes Bild mit Umgebung. Wenn es die Zeit erlaubt, entsteht noch ein dokumentarisches Bild in einer Arbeitssituation und eine Aufnahme ohne die Person.

"Nach der schwarz-weißen Nahaufnahme bin ich freier in dem farbigen, symbolischen Porträt." Vor allem die Gegenüberstellung der Motive ist für Flitner interessant. "Das ist auch ein Dialog." Der Fotograf Mehmet Dedeoglu findet ihre Arbeit spannend: "Die konservative Nahaufnahme und das kreative Motiv sagen viel über die Porträtierte."

In Flitners Fotoserie "Mein Herz - Mein Feind - Mein Denkmal" ergab sich dieses Spannungsverhältnis noch durch die Kombination von Bild und pointiertem Zitat. "Ob ich selber eine erfolgreiche Frau bin? Mich interessiert nur meine Arbeit", sagt Bettina Flitner. "Es ist einfach angenehm, realisieren zu können, was ich will." So reist die Fotografin mit ihrer schweren Mittelformatkamera weiter von Termin zu Termin.

###PAGEBROWSER###