Berliner Zeitung, 03.09.2003, Ingeborg Ruthe


Rechter Stolz

Anklam liegt in Ostvorpommern. Nicht nahe genug der Küste, um Touristen anzuziehen, zu abgelegen von den Wirtschaftszentren, um Jugendlichen Arbeit und Freizeitspaß zu bieten. Hierher kommt also der Lärm der Welt, um zu sterben. Auf einmal aber gerät Anklam in den Blickpunkt. Das dortige Bürgerbündnis "Bunt statt Braun"
wagt etwas, das nach Ostvorpommern passt wie die Faust aufs Auge. Es nimmt ein böses Vorurteil auf, das zwar übertrieben, doch nicht unberechtigt ist und in einem bitterbösen Witz seinen Ausdruck findet, der geht so: Was sagt eine ostvorpommersche Mutter, wenn sie schaut, was ihre halbwüchsigen Söhne treiben? Ich will mal nach den Rechten seh n. Solch junge Rechte sind jetzt im Anklamer Theater in 15 überlebensgroßen Fotos ausgestellt, der Anblick stürzt in einen Zwiespalt aus Abwehr und Neugier. Macht die Berliner Fotografin Bettina Flitner diese radikalen Jugendlichen kunstwürdig, indem sie unausgesprochen sagt: Herr vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun? Oder führt sie die demonstrative Haltung vor als Bedrohung? "Ich bin stolz ein Deutscher zu sein", lässt André, 18, arbeitslos, im Zitat unter seinem Bildnis wissen. "Meine Schnürsenkel sind deutsch gebunden, also ganz parallel von Loch zu Loch. Eigentlich finde ich ja die Love Parade gut, da feiern alle zusammen, Deutsche und Ausländer, Linke und Rechte. Aber heutzutage muss man sich ner Gruppe anschließen, sonst kriegt man von allen einen reingezwiebelt." Andreas, 19, Fleischer, findet "alles gut, was national ist. Meine Oma hat immer von früher erzählt. Die hat unter Hitler kein schlechtes Leben geführt. So Recht und Ordnung und so." Und der 16-jährige Schüler Ronny teilt unter seinem Porträt mit: "Früher war ich links, ich hab noch die ganzen linken Sachen im Schrank, Cordhose und so. Jetzt bin ich Nationalsozialist. Ich habe ,Mein Kampf gelesen, damit ich weiß, hinter welcher Meinung ich stehe. Ich will mal Jura studieren, und mit 18 NPD wählen ..."

Fotografin und Ausstellungsmacher haben sich offensichtlich entschlossen, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben, denn in Ostvorpommern ist die rechtsradikale Szene gut organisiert und erfreut sich einer dörferweit verbreiteten Akzeptanz. Landespolitiker haben das Thema lange Zeit ausgeblendet, um die erhofften Touristen nicht zu verprellen. Nun soll das künstlerisch Offensive, Unumwundene der Aufklärung dienen und ebenso der Prävention. Es wird nicht moralisiert und nicht verurteilt. Es wird konstatiert, klipp und klar.

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