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EMMA, Mai/Juni 2002 

 

Hall of Fame

Ein Jahr lang ist die Fotografin Bettina Flitner kreuz und quer durch Europa gereist, um "starke Frauen" zu fotografieren: Sie saß im Wohnzimmer der Holländerin Miep Gies, die einst Anne Frank versteckte; sie stand im Labor der Deutschen Christiane Nüsslein-Volhard, die den Nobelpreis bekam; sie begleitete Franka Potente zur Ballettschule in Kreuzberg; sie aß im Restaurant der Luxemburger Sterne-Köchin Lea Linster ein Fünf-Gang-Menü; sie traf Sirkka Hämäläinen, die Vizepräsidentin der Europäischen Zentralbank in der Spitze des Frankfurter Towers; sie verliebte sich im Wiener Atelier der Malerin Maria Lassnig in das Bild vom Frettchen; sie besuchte acht Monate vor deren Tod Gräfin Dönhoff und Dackel Felix in Blankenese; sie ging mit der von der Mafia mit dem Tod bedrohten Baronessa Cordopatri auf die umkämpften Olivenfelder.

Und von jeder Reise kam sie noch begeisterter zurück. Inzwischen tut Bettina Flitner sich schwer zu sagen, wer sie am meisten beeindruckt hat: "Jede war auf ihre Art noch viel beeindruckender, als ich erwartet hatte." Zu einer veritablen "Hall of Fame", einer Ruhmeshalle für die Frauen Europas, soll das Projekt bis zum Herbst 2003 gedeihen. Doch schon jetzt, in der Halbzeit der Arbeit, gibt die Fotografin einen ersten Blick frei auf diese mitreißende Reihe weiblicher Persönlichkeiten. Frauenministerin Christine Bergmann, die das Projekt gefördert hat, wird am 9. September persönlich die Ausstellung in Berlin eröffnen, wo die "50 Europäerinnen" im Museum für Kommunikation prächtig präsentiert sind: von klassischen Fotos in der Größe von 70 mal 60 Zentimetern bis hin zu Transparen, auf der Straße ansprach. Immer arbeitete die Fotografin, die auch ausgebildete Regisseurin ist, dabei mit Bild und Ton: mit inszenierten, dokumentarischen Bildern sowie pointierten Zitaten der Porträtierten. So schuf sie ihre "lebenden Bilder voller Poesie, eine seltene Balance zwischen Pathos und Normalität" (Die Zeit). Und zwischen Tragik und Komik.nten in der Höhe von drei mal zwei Metern.

Gerade diese überlebensgroßen Porträts sind seit Beginn der 90er Jahre das Markenzeichen von Bettina Flitner, die vor allem mit ihren Installationen im öffentlichen Raum, auf Straßen und Plätzen, bekannt wurde. Bisher allerdings eher mit Unbekannten: Menschen im "Niemandsland" der gefallenen Berliner Mauer oder in ihrer Serie "Mein Herz - Mein Feind - Mein Denkmal", für die sie unbekannte Menschen, meist Frauen, auf der Straße ansprach. Immer arbeitete die Fotografin, die auch ausgebildete Regisseurin ist, dabei mit Bild und Ton: mit inszenierten, dokumentarischen Bildern sowie pointierten Zitaten der Porträtierten. So schuf sie ihre "lebenden Bilder voller Poesie, eine seltene Balance zwischen Pathos und Normalität" (Die Zeit). Und zwischen Tragik und Komik. 

Diesmal geht es um Frauen, die bekannt sind, nicht selten auch über ihre Ländergrenzen hinaus. Denn noch immer ist das Gesicht Europas bis heute vor allem von Männern geprägt - sehen wir einmal von den Symbolen und mythischen Figuren ab, wie der einst von Zeus in Stiergestalt entführten Jungfrau Europas. Doch die Zeit, in der Frauen bestenfalls schmückende Beigabe oder Symbole waren, ist vorbei. Auch Frauen gehören jetzt zum Gesicht Europas - und genau das will Flitner zeigen. In ihre "Ruhmeshalle" holt die Fotografin Frauen, die auf die unterschiedlichste Art und Weise das Gesicht des modernen Europas mitprägten und weiter prägen. Frauen, die Vorbilder sind - ermutigend für alle Frauen und Mädchen heute.

Genau darum soll das Projekt nicht mehr und nicht weniger werden als eine "Ruhmeshalle" für Europäerinnen. Denn es gibt unter den Frauen nicht weniger zu rühmen als unter den Männern - doch ist Ruhm noch immer Männersache. So hängen zum Beispiel in der 1842 eingeweihten ehrwürdigen deutschen "Wallhalla" an der Donau nicht zufällig zwar 122 Männer, aber bisher nur vier Frauen - und auch das erst seit 1998 und nur nach langen Protesten und Petitionen von Frauen. 

Es ist nicht neu, dass Bettina Flitner auf den Spuren herausragender weiblicher Persönlichkeiten wandelt. Bereits 1985 war die damals 24-jährige Fotografin im New Yorker Atelier von Kate Millett und in der Pariser Wohnung von Simone de Beauvoir, von der sie drei Wochen vor deren Tod die letzten Fotos machte (die ebenfalls in der Ausstellung zu sehen sein werden). 1988 war sie in dem Wuppertaler Probenraum von Pina Bausch, 1989 in Wien bei der Mutter von Elfriede Jelinek und in der Ostberliner Wohnung von Irmtraud Morgner, 1990 im algerischen Versteck von Khalida Messaoudi. Um nur ein paar Stationen zu nennen.

Doch noch nie hat die Fotografin, in deren Bildern "die 90er Jahre ihre Sprache gefunden haben" (Kunsthistoriker Dr. Reinhold Misselbeck), so lange und so systematisch Frauen porträtiert wie für dieses Projekt. Und sie ist noch nicht am Ende, sondern wird mindestens so lange auf den Spuren der Europäerinnen bleiben, bis 2003 ein erster Grundstock für das "Hall of Fame Project - 66+6 Europäerinnen" zusammen ist. Im Herbst 2003 werden dann alle 66 Europäerinnen zu sehen sein und durch ganz Europa touren. Jahr für Jahr sollen je 6 hinzukommen: 66+6 Europäerinnen.

Zur Eröffnung der Ausstellung wird nicht nur Ministerin Bergmann anwesend sein, sondern werden auch einige der Porträtierten live erscheinen, darunter die ehemalige Verfassungsgerichtspräsidentin Jutta Limbach: Sie spricht über "Frauen in Europa". Europäerinnen bekommen mit dieser Ausstellung ein Gesicht. Ein öffentliches Gesicht. Frauen, die Mut haben. Frauen, die Mut machen.

 

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