Berliner Morgenpost, 9.11.2002
Silke Böttcher
 

 

Mut, Kraft und Schönheit

Sie fliegen ins All, mischen die Politik auf, schaffen provokative Kunst, erobern die Wissenschaft und haben Mut. Viel Mut. denn einige der 50 Europäerinnen, deren Fotos und Lebensdaten zurzeit im Museum für Kommunikation zu sehen sind, stellen sich gegen Korruption und Verbrechen.

Miep Gies zum Beispiel, die das Tagebuch der Anne Frank vor den Nazis versteckte und als Wichtiges Zeitdokument rettete. Letizia Battaglia, die mit der Kamera gegen die Mafai kämpft und deren Foto des Mafioso Nino Salvo mit dem italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti zu dessen Sturz beitrug. Oder die Olivenbäuerin Baronessa Teresa Cordopatri, die sich weigerte, Land an die Mafia zu verkaufen, miterleben musste, wie die Mafia ihren Bruder tötete und die Mörder hinter Gitter brachte. Sie muss ihren Mut teuer bezahlen: Ohne Leibwächter wagt sie sich nicht mehr vor die Tür, Familie und Freunde wandten sich ab.

Behutsam hat sich die Fotografin Bettina Flitner den Frauen genähert, hat die porträtiert und in speziellen Momenten aufgenommen  Regine Hildebrandt am Schreibtisch, Schauspielerin Franka Potente beim Sport, die Nobelpreisträgerin Christiane Nüsslein-Volhard in einem Seerosen-Teich. Die Umgebung betont die Individualität und Kraft der Frauen, die jede für sich Ungewöhnliches geleistet hat.

Dabei hat Bettina Flitner nicht nur Prominente abgelichtet: Da ist die Schweizer Clownin Gardi Hutter. Oder die ungarische Schachmeisterin Judit Polgar (26), jüngste Schachgroßmeisterin der Geschichte. Da ist die Französin Claudie Haigner, die ihren Traum, ins All fliegen, verwirklichte und 1999 als erste Frau eine Sojuskapsel steuerte. Und da ist die Finnin Sirkka Hämäläinnen, einzige Frau in der sechsköpfigen Direktorenrunde der europäischen Zentralbank. Was an den Bildern fasziniert, sind die Gesichter: ausdrucksstark, klug, schön, lebensweise, neugierig, mit Spuren der Verletzlichkeit. Sie erzählen Geschichten von spannenden, traurigen, faszinierenden Leben, von Hoffnung und Resignation. Einige haben ihre Lebensträume erfüllt, andere arbeiten noch daran. Vorbilder sind sie alle, denn sie stehen für die weibliche Hälfte Europas  stark und einmalig.

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