Klein (8259 Byte )

Zeit-Magazin
Jutta Duhm-Heitzmann, 1996
 

 

MEIN HERZ

Groß ist das Herz, grau, und sieht aus wie ein Herz aus Stein. Aber es ist nur aus einem besonders festen Kunststoff, vielleicht sogar trittfest, gewichtsfest. Es tut zumindest so, als könne es die Frauen tragen, die auf ihm stehen. Wahrscheinlich hat die Fotografin sie nur auf ein kleines Podest gestellt, direkt dahinter. Doch so oder so: Mein Herz sagen die Frauen. Und dann erzählen sie von sich und der Liebe. Von den Männern, die sie gekannt und die sie manchmal verlassen haben. Von den Kindern, die ihnen die Liebe und mein Herz bescherten. Vom Schmerz. Von der Anstrengung, Herz und Liebe nicht zu wollen. Oder nicht mehr.

Manche Frauen haben sich kleine Flügel umgeschnallt: die Miniflügel des puttenkörprigen Liebesgottes. Andere halten kriegerisch eine Sense in der Hand: Amors Tod. Und einige umkränzen sich und ihr Herz mit Blumen. Oder bestücken es mit Pfeilen, getroffen, oh Gott! Und immer wieder die Kinder, zu Füßen der Frauen oder noch in ihrem Bauch. Liebe eben, Liebe und ihre Folgen.

Die Fotografin Bettina Flitner hat diese Frauen auf der Strasse gesehen und angesprochen: haben Sie jemals ihr Herz verloren? Und wenn ja, welche Folgen hatte das? fragte sie. Wenn die Passantinnen antworten wollten, würden sie in einen leeren Raum in der Nähe gebeten, der direkt an der Strasse lag. Sie konnten unter ein paar Requisiten wählen: Blumen, Pfeilen, Flügeln, aber auch unter einer Sense und einem Speer. Und während sie erzählten, manche stundenlang, haben sie sich und ihre Erfahrungen mit der Liebe inszeniert. Das Ergebnis sind Bilder und Sätze - Geschichten in ein paar Sätzen, Lebensessenz - die den Betrachter hypnotisieren. nicht weil sie so besonders, sondern weil sie so alltäglich sind.

Denn die Frauen zogen sich nicht um, verkleideten oder schminkten sich nicht. Sie kamen, wie sie waren: mit Einkaufstasche und im Anorak. Mit Kind und Karre. Männlich cool gestylt. Oder jung und schön geschmückt wie eine Prinzessin aus Tausendundeiner Nacht. Wir kennen sie: Sie sind Echo unserer eigenen Erfahrungen, unseres eigenen Lebens und Scheiterns, unserer Träume und Illusionen.

Mein Herz ist der dritte Teil eines Zyklus, in dem Bettina Flitner Frauen zu ihrem Leben befragt hat. Mein Feind hieß der erste Teil, Mein Denkmal der zweite. Alle gebaut nach dem gleichen Prinzip: Passantinnen angesprochen und fotografiert. Bei der ersten Folge in Berlin und Köln, bei der zweiten nur in Köln-Chorweiler, bei der dritten in Berlin-Kreuzberg. Womit die Fotografin nicht gerechnet hatte: Gleich der erste Teil der Trilogie Mein Feind geriet zu einem handfesten Skandal. 

Bettina Flitner, 1961 in Köln geboren, hatte sich schon in Deutschland und den USA umgesehen, eine Ausbildung als Filmcutterin beim WDR gemacht, ein Studium als Filmemacherin an der deutschen Film- und Fernsehakademie in Berlin begonnen und nebenbei, Marke Selfmadewoman, angefangen zu fotografieren, als sie für ihren Berliner Abschlussfilm ein Thema suchte. Es war 1992, mitten im Golfkrieg.

Wie entstehen eigentlich Feinde und wie die Bilder von Feinden in unseren Köpfen? fragte sie sich. Haben Sie einen Feind? Und wenn ja, was würden Sie ihm antun, wenn Sie es ohne Strafe tun könnten? fragte sie dann andere  eben Menschen, die sie auf der Strasse traf. Anfangs sprach sie auch Männer an, aber die antworteten viel zu lapidar. Als wenn sie schon jemanden umbringen würden, wenn sie nur mit dem falschen Bein aus dem bett aufgestanden waren. Oder aber sie wetterten gegen das System. Die Frauen aber erzählten Geschichten. Von Schmerz, Hass und Demütigung. Manchmal nur von der Wut, die sie hatten ihren Mann oder den Nachbarn von nebenan.

Die Frauen ließen dieser Wut bei ihrer Selbstinszenierung freien Lauf: Fantasien über Gewalt, die befreiten. Sie wussten natürlich sehr genau, dass es Spiele waren, aber die taten gut. Einige redeten zum ersten Mal über ihren Hass: Die Frau, die vom eigenen Vater missbraucht worden war. Die andere, die den Mann, der sie betrogen und verlassen hatte, so gerne meucheln würde auf seinem schönen neuen Teppichboden. Und eine dritte, die den Papst verabscheut, den würde ich zum Wohle der Menschheit umbringen.

Die Fotos, die entstanden, leben von einer seltenen Balance zwischen Pathos und Normalität: Frauen in ihrer Alltagskleidung, die plötzlich einen Säbel schwingen, ein Schwert oder ein Messer und sich zu ihrem Zorn bekennen  Rächerinnen aus der Einbauküche. Bettina Flitner zog die Bilder auf 2,40 x 1,00 m große Tafeln auf und stellte sie in der Kölner Innenstadt als modernen Kreuzweg aus, dessen letzte Station in der Antoniterkirche zu sehen war: eine alte Frau, mit verbundener Hand, ganz ohne Waffe, schon viel zu müde, um sich noch wehren zu können, nahm die Stelle des Gekreuzigten über dem Altar ein. 

Aber nicht das provozierte, sondern die Bilder der waffentragenden Frauen in der Fußgängerzone. So viel Aggression, Unverständnis und Beschimpfung hatte die Fotografin nicht erwartet: Ich habe die Frauen von der Strasse geholt und wieder auf die Strasse gebracht. Sie spiegelten die Fantasien vieler Menschen  und die meisten konnten und wollten sich dem nicht aussetzen. Besonders schlimm wurde es, als die Bildzeitung zu hetzen begann: Skandal um Gewaltfotos in der Kirche hieß es  dass Bilder und Texte eigentlich genau das Gegenteil erzählten, wollten die Gegner nicht wahrhaben. Die Ausstellung wurde verboten, von der Fotografin  die darüber einen Film drehte  einfach wieder aufgestellt, daraufhin, nach einer Begehung, vom Kulturdezernenten zur Kunst erklärt und somit geduldet.

Zwei Jahre später bedrängten Bettina Flitner neue Fragen: Haben Sie ein Denkmal verdient? Und wenn ja, wofür? Und wieder wanderten Frauen in den leeren Raum mit den theatralischen Requisiten, wieder wurden sie zu Heldinnen des Alltags. Sie bauten sich ein Denkmal, dafür, dass ich nicht mehr obdachlos bin, dass ich meinen Mann rausgeworfen habe, wenn ich die Schlacht gewonnen habe. Ich kämpfe um meinen Arbeitsplatz. Stehen da mit Fahne und Schild, Kranz und Zepter, Helm und Speer. Und wieder dieses Universum aus Pathos, Verletzung und Komik (Bettina Flitner)  wenn, zum Beispiel nach zwei Jahren voller Katastrophen, Tod und Verlust "auch noch das Wasserrohr gebrochen ist."

Diese Frauen beherrschen, wieder überdimensioniert, den Josef-Haubrich Hof vor der Kölner Kunsthalle, seit Monaten schon, diesmal ohne Messerstiche und Graffiti. Vielleicht, weil die Betrachter so viel alltägliche wunderbare Tapferkeit einfach nur rührt.

Und nun also, 1996, Mein Herz, zu sehen demnächst in Berlin: Herz? Ich hab kein Herz  Ich würde mein Herz nie mehr verschenken, ich würde es nur noch verborgen.  Dass ich mein Herz verloren habe, sieht man ja. Als ich schwanger wurde, hat er die Panik gekriegt. Es ist der letzte Teil im Zyklus, diese Form ist einfach für mich abgeschlossen, sagt Bettina Flitner. Sie will, wie früher auch, harte Fotoreportagen machen, Und wenn sie doch ein neues psycho-dokumentarisches Projekt wie sie ihre Porträts nennt, diese Mischung von Wort und Bild, die sich zur Innenschau verdichtet  macht, dann wohl eins über Fremdheit. Auch so ein Thema unseres Alltags Aber Fremdheit weit gefasst. Fremdheit zu den anderen. Zur Familie. Bis hin zur Fremdheit in der eigenen Haut.

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