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Kulturzeit, 3SAT, 15.11.2004

 

Hall of Women

Überlebensgroß hängen die Porträts von 60 Frauen im Berliner Museum für Kommunikation: Künstlerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen. Frauen, die Mut bewiesen haben und immer noch beweisen. Frauen, die Visionen haben und alles daran setzen, diese auch Wirklichkeit werden zu lassen. Die Fotografin Bettina Flitner hat sie alle porträtiert – so, wie man sie kennt, und so, wie man sie eben nicht kennt. Zusammen mit Alice Schwarzer, die die Texte für Ausstellung und Buch geschrieben hat, stellt sie "Europäerinnen. Frauen mit Visionen" noch bis 2. Januar in Berlin vor.

Vor acht Jahren ist sie aus ihrer Heimat Somalia in die Niederlande geflohen. Dort sitzt sie inzwischen als rechtsliberale Politikerin im Parlament und hat sich mit ihrer klaren Linie gegen Frauenbeschneidung, Kopftuchzwang und Zwangsheirat unter den fundamentalistischen Muslimen nicht gerade Freunde gemacht. Seit dem Mord am Filmemacher Theo van Gogh, mit dem sie als Drehbuchautorin zusammengearbeitet hat, ist Ayaan Hirsi Ali untergetaucht.

"Hirsi Ali bewundere ich so", sagt Alice Schwarzer, "weil sie etwas tut, was nicht jeder tut und was man auch nicht von jedem verlangen kann. Sie riskiert ihr Leben für die Würde und Freiheit der Menschen und vor allem der Frauen." Allerdings muss frau nicht gleich ihr Leben aufs Spiel setzen wie Hirsi Ali oder die italienische Staatsanwältin Ilda Boccassini, um in diese "Hall of Fame" aufgenommen zu werden.

Mehr als verwischte Privatfotos
Bettina Flitner will Frauen zeigen, die im heutigen Europa als Vorbilder dienen können. Frauen, die sich gegen alle äußeren Widerstände behaupten. Frauen, die auf ihrem Gebiet Besonderes leisten und dennoch bislang nicht ins rechte Licht der Öffentlichkeit gerückt worden sind. "Von Frauen gibt es oft nur so verwischte Privatfotos", erklärt die Fotografin. "Ilda Boccassini, die große Staatsanwältin, Gegenspielerin von Berlusconi, von der gibt es eigentlich keine richtigen Fotografien, sondern nur mal so abgelichtet in einer Pressekonferenz. Von der Nobelpreisträgerin Nüsslein-Volhard gab es, bevor ich sie fotografiert habe, nur unscharfe Fotos, die ihr Mann im Garten gemacht hatte, als sie den Nobelpreis gekriegt hat."

Um daran etwas zu ändern, ist Bettina Flitner, angeregt durch einen Auftrag des Bundesministeriums für Frauen und Familie, durch ganz Europa gereist. Sie hat die Nobelpreisträgerinnen Christiane Nüsslein-Volhard und Elfriede Jelinek besucht, die Schauspielerin Franka Potente in die Balletschule begleitet und der Luxemburger Sterne-Köchin Léa Linster in die Töpfe geschaut. Sie hat Miep Gies, die von 1942 bis 1944 Anne Frank und ihre Familie versteckte, ebenso für ihre Porträtserie gewinnen können wie die Journalistin Marion Gräfin Dönhoff noch kurz vor deren Tod. So ist eine beeindruckende Hommage entstanden an 60 Frauen, die das Bild von Europa mit ihrer Ausdauer und Tatkraft mitgeprägt haben. Nun sind auch ihre Bilder endlich in der Öffentlichkeit zu sehen - noch bis 2. Januar 2005 im Berliner Museum für Kommunikation.

Europäerinnen.
Frauen mit Visionen.
Porträts von Bettina Flitner
Museum für Kommunikation
Berlin
05.11.2004 bis 02.01.2005

Bettina Flitner /
Alice Schwarzer:
"Frauen mit Visionen.
48 Europäerinnen" Knesebeck Verlag 2004
ISBN 3-89660-211-X
39,90 € / 69,00 sFr

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