Tübinger Tageblatt 8.5.2007

Europäische Köpfe
Bettina Flitner –
Die Frauen-Bildermacherin

Sabine Seeger

Mit ihrem Projekt “Europäerinnen” zeigt die Fotografin Bettina Flitner Frauen, die in der EU Geschichte schreiben. Ihre Porträts reichen von Angela Merkel bis zu Ayaan Hirsi Ali.Zum Wochenende ist sie eben mal  rübergefahren nach Paris. Die Wahl des Staatspräsidenten hatte sie angezogen. Sie wollte mit eigenen Augen sehen, für wen sich die Franzosen entscheiden. Dass bei diesem Rennen “Sego” gegen “Sarko” eine Frau im Spiel war, dürfte für Bettina Flitner nicht ganz nebensächlich gewesen sein. Die Kölner Fotografin nimmt Frauen ins Visier, Persönlichkeiten, die Geschichte machen. Figuren wie Segolène Royal eben, die es fast geschafft hätte, als erste Frau zur   Staatspräsidentin der “Grande Nation” aufzusteigen. “Ich war beeindruckt, mit welcher Leidenschaft die Franzosen bei dieser Wahl mit dabei waren”, gesteht die Beobachterin. “Ganz Paris war wie im Rausch”.Seit sieben Jahren heftet sich Bettina Flitner an die Fersen von Macherinnen, die über alle Grenzen hinaus denken und Neues wagen. Ihr Werkzeug ist der Fotoapparat. Mit ihm hält sie fest, zeichnet Porträts, die nicht vergängliche Illustrierten-Schönheit zeigen, sondern Charakter sichtbar machen.   Die Persönlichkeit “der bedeutensten, interessantesten, wichtigsten Frauen in Europa” ins rechte Licht rücken. Dazu gehören Künstlerinnen, Schriftstellerinnen, Politikerinnen, Wissenschaftlerinnen, Aktivistinnen.  “Frauen, die den Ton angeben, wie die englische Dirigentin Sean Edwards. Die Männer schachmatt setzen wie die ungarische Schachmeisterin Judit Polgar”. Insgesamt 48 Porträts bilden eine Ausstellung, die Bundeskanzlerin Merkel in Brüssel im März einweihte. Von der EU-Kapitale wird die Frauen-Power-Schau quer durch Europa ziehen und für einmal auch Station machen am Bosporus: Auch in Istambul werden die Porträts erwartet. Vielleicht schon ganz vollständig: Denn noch fehlen die treibenden Geister aus den neuen Mitgliedsstaaten, die Macherinnen aus Rumänien und Bulgarien. Eine von ihnen ist so europäisch, wie man europäischer nicht sein kann: Meglena Kuneva. Die 50-jährige Juristin war Chefunterhändlerin Sofias bei den Beitrittsverhanldungen ihres Landes. Seit Januar kämpft die Expertin für Umweltrecht in Brüssel als EU-Kommissarin für die Rechte der europäischen Verbraucher.Der Anfang der großen Porträtsammlung liegt im Jahr 2000. Schon damals arbeitete Bettina Flitner für die Zeitschrift “Emma”. Eines Tages  sollte ein Bericht über Christiane Nüsslein-Volhard ins Magazin. Die Biologin ist Nobelpreisträgerin für Medizin. Allein es fehlte an einem Foto, das die Wissenschaftlerin ins rechte Bild rückte. Flitner forschte und musste schnell feststellen: Von prominenten Männern gibt es viele interessanten Fotos, von prominenten Frauen so gut wie keine. Der Bildband “Amerikanerinnen” ihrer illustren Kollegin Annie Leibovitz gab den letzten Anstoss. Das Projekt “Europäerinnen” war geboren. “Ein dreiviertel Jahr lang habe ich in ganz Europa recherchiert, habe Botschaften angeschrieben, Auslandskorrespondentinnen kontaktiert, Goethe-Institute befragt”. Was dann kam, war eine Flut von Faxen, E-Mails, Briefen. Allein ein halbes Hundert Namen aus Italien und Frankreich.Zu ihrem großen Erstaunen entdeckte die Porträtistin in Amsterdam einen Namen, den sie schon in der Schule gehört hatte: Miep Gies. Die Frau, die die deutsch-jüdische Familie Frank versteckt und das Tagebuch der Anne Frank gerettet hatte, war noch am Leben. Sie sollte die erste sein, denn die Zeit drängte. Die couragierte Helferin, die Kopf und Kragen riskierte, um ihre Freunde zu retten, war immerhin schon 94. Dem Treffen mit ihr sollten unvergessliche Begegnungen folgen:  Mit Benoite Groult, der Autorin von “Salz auf unserer Haut” in der Bretagne. Mit dem ehemaligen Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank, der finnischen Ökonomin und Hobby-Bauchtänzerin Sirkka Hämäläinen im Euro-Tower in Frankfurt. Mit der französischen Ex-Europaministerin und Astronautin Claudie Haigneré im ESA-Raumfahrtzentrum in Köln. Mit der Mafia-Jägerin Letizia Battaglia in Palermo. Und natürlich mit Angela Merkel.Zur beeindruckensten Reise wurde ein Abstecher nach Kalabrien. In Reggio Calabria traf sie Baronessa Cardopatri – nach vielen Telefonaten mit den Carabinieri, nach Genehmigungsverfahren bei der Polizei. Seit 1963 kämpft die signorile Signora gegen die Paten der ehrenwerten Gesellschaft, Mafiosi, die ihr ihren Grundbesitz streitig machen. Ihre Angehörigen sind tot, ermordet. Sie lebt noch. Wer weiß wie lange noch. Polizei beschützt sie, auch beim Foto-Shooting mit Bettina Flitner. “Da sperrten die Sicherheitskräfte sogar den Strand ab”. Die Besucherin ist erschüttert. “Dass so etwas in Europ noch möglich ist....!”Auf ihren Reisen entdeckt sie auch unsichtbare Fäden, die sich durch Europa ziehen. Etwa Polen, die ganz selbstverständlich Französisch sprechen und Ungarn, die des Deutschen mächtig sind. Sie findet Geschlechtsgenossinnen, deren Biographien so europäisch sind wie ihre eigene. Flitner wurde 1961in Köln geboren, ist in der Domstadt wie im italienischen Perugia zur Schule gegangen und arbeitete als Au-Pair in Rom. Sie studierte an der “Deutschen Film- und Fernsehakademie” in Berlin, um dann als Autodidaktin bei der Fotografie zu landen. Europa heißt für sie, zwischen Schweden und Sizilien, dem schwarzen Meer und dem Atlantik leben und arbeiten zu können. “Ich bin es von Kindheitstagen gewohnt, viel umzuziehen und mich immer wieder auf eine neue Umgebung einzustellen!” Die EU ist für sie nicht nur Chance für morgen, sondern ganz selbstverständliches Arbeitsfeld von heute.Sabine Seeger

###PAGEBROWSER###