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Johann, Student

Es hat angefangen am Vortag, abends. Ich war beim Friseur, hatte mir die Haare schneiden lassen, bei Karin. Ich fand’s gut, meine Freundin fand’s katastrophal. Sie sagte: ,Du warst nicht bei Karin.‘ Ich: ;Doch, ich war bei ihr.‘ Und sie immer wieder: ,Du warst nicht bei Karin.‘ Und ich: ,Doch, ich war bei ihr.‘ Und das gefühlte tausend Mal. Irgendwann bin ich ins Bad gegangen und hab die Haarschneidemaschine genommen, Aufsatz 18 mm, und habe alles komplett weggeschnitten. Ich guckte in den Spiegel und sah scheiße aus. Sie kam an, ist mir durch die Haare gegangen und hat gesagt: ,Jetzt sieht es toll aus.‘ Ich war einfach nur pissed, genervt von der ganzen Situation und auch von der Frisur.

Am nächsten Tag wollte ich ein bisschen was fürs Studium tun. Sie kam wieder an, und mit irgendwas hat sie mich wieder genervt. Da hatte sich halt schon so einiges gesammelt. Und jetzt ging das wieder los. Monitor ausgemacht, ich wieder angemacht. Maus weggenommen. So ging das hin und her. Sie hat gesagt: ,Ich habe heute meinen freien Tag. Und anstatt was mit mir zu machen, sitzt du da und zockst.‘

Ich bin dann irgendwann in die Küche und habe mir ein Bier aufgemacht. Morgens. Da hielt sie mir wieder einen Vortrag. Wieder vor mich gesetzt. Hier bin ich, schenk mir Beachtung. Es war einfach alles anstrengend. Irgendwann hat sie mir das Bier weggenommen. Ich habe sie dann vom Tisch auf den Stuhl geschubst, mit unschönen Worten, vermutlich so was wie ,Verpiss dich‘. Ich habe was gesagt, sie hat was gesagt. Das hat sich immer höher geschaukelt. Keiner von uns beiden hat aufgehört. Und es wurde auch immer verletzender. Von ihr und von mir. Wir waren seit Monaten zusammen, da kennt man die wunden Punkte. Dinge, von denen man weiß: Die tun weh.

Mein Leben vorher lief eigentlich. Ich konnte im Prinzip machen, was ich wollte. Mit Freunden essen gehen oder am Wochenende feiern, war alles drin. Das wurde mit ihr immer weniger. Ich hatte schon lange das Gefühl, dass ich die Kontrolle über mein Leben verloren hatte. Sie hat gesagt, sie liebt mich, und hat eigentlich nur versucht, mich zu ändern. Sie fand die Musik nicht gut, die ich hörte, meine Freunde mochte sie nicht. Eigentlich hat sie alles kritisiert, was mich ausmacht. Der Käfig wurde jeden Tag ein Stück enger. An diesem Morgen konnte ich den Frust, die Wut, die in mir drin war, nicht mehr mit Worten ausdrücken. Sie sollte einfach aufhören. Theoretisch hätte ja auch ich aufhören können ...

Ich habe dann das Physikbuch genommen und es ihr über den Kopf gezogen. Daraufhin hat sie mir das Buch aus der Hand genommen und Seiten rausgerissen.Ich weiß nicht mehr, ob da ein Pullover lag, oder ob sie den um die Schultern hatte. Ich habe auf jeden Fall die Ärmel genommen und dann ein Mal kurz und fest zugezogen. Sie hat geröchelt. Ich glaube, da kamen auch schon die Tränen.Ich habe sie an den Schultern gepackt und in die Ecke geschmissen. Ich habe auch gar nicht gemerkt, wann sie angefangen hat zu weinen.

Erst als sie da zusammengekauert saß, habe ich es gesehen. Und eigentlich war mir da schon klar, was ich für eine Scheiße gemacht habe. Ich war aber trotzdem noch im Angriffsmodus. Irgendwann bin ich dann runter zu ihr, um sie in den Arm zu nehmen. Was eine ganz dumme Idee war. Man will ja nicht unbedingt von der Person getröstet werden, die einen gerade körperlich und seelisch verletzt hat. Sie hat mich weggeschubst und mir eine Backpfeife gegeben. Daraufhin habe ich ihr in den Magen gehauen. Ein kleines bisschen Restkontrolle hatte ich noch. Obwohl ich außer mir war, habe ich ihr bewusst nicht ins Gesicht geschlagen. Dann wäre ich an einem Punkt angekommen, an dem ich nicht mehr zurückgekonnt hätte. Dann hätte ich die Kontrolle komplett verloren.

Sie hat am ganzen Körper gezittert. Und dann irgendwann mit bebender Unterlippe gesagt: ,Ich hole jetzt die Polizei.‘ Ich habe gesagt: ,Nee, das machst du nicht.‘ Und ihr das Telefon weggenommen. Da habe ich erst wirklich gemerkt, dass sie wahrscheinlich Todesangst hatte. Sie hat mich angeguckt und mit letzter Kraft und wahrscheinlich letztem Mut gesagt: ‚Johann, du bist ein Frauenschläger!‘

Patz. Das war, als wenn einen plötzlich ein Laster überrollt. Mein Körper ist komplett zusammengesackt. Die ganze Wut und Aggression war mit einem Schlag weg. Frauenschläger. Ich dachte: schöne Scheiße, die du da fabriziert hast. Fuck. Wir saßen beide auf dem Boden, ich weiß nicht, wie lange. Ich war völlig geschockt von mir selber. Im Endeffekt wusste ich, dass sie recht hatte. Nach dieser Tat war ich es. Ein Frauenschläger.

Irgendwann saßen wir im Wohnzimmer und haben angefangen zu reden. Ich habe mich Millionen Mal entschuldigt.Aber da wusste ich schon, dass wir uns trennen müssen. Da gab es kein Zurück mehr. Sie hatte Sachen in mir ausgelöst, die schrecklich waren. Und ich wusste, ich kann das nie wieder ungeschehen machen. Es wird immer da sein. ,Mann schlägt seine Frau und seine Kinder.‘ Wenn ich das früher von anderen Leuten gehört oder im Fernsehen gesehen habe, habe ich es immer verabscheut. Ich habe mir eingeredet, dass ich so etwas nie tun würde. Da war ich mir so was von sicher. Ich kannte das auch von meiner Familie überhaupt nicht. Und plötzlich passiert es. Auf einen Schlag war mein Selbstbild zerstört. Und dann kommen die Selbstzweifel. Du stellst plötzlich ganz viel infrage.

Am gleichen Tag, an dem es morgens passiert war, bin ich zur Männerberatung. Ich hatte auch ehrlich gesagt im Hinterkopf, dass sie mich vielleicht anzeigt. Ich wollte die Anzeige abwenden. Es hat zwei Monate gedauert, bis ich in die Gruppe konnte. Da hatten wir uns schon getrennt. Was man bekommt, ist Hilfe, aber ganz anders, als ich dachte. Am Schluss kommt die Tatrekonstruktion. Das ist heftig. Man sitzt in der Gruppe und muss alles ganz genau schildern. Es ist paradox: Man versucht, die Tat zu vergessen, aber man muss sich gleichzeitig erinnern. Im Vergleich zu den anderen zehn war meine Geschichte ehrlich gesagt ziemlich krass. Top 3, würde ich sagen. Puh.

In der Therapie ist die Schuldfrage wichtig. Es wird einem klar gemacht, dass man selber für sein Handeln verantwortlich ist. Aber es ging auch um grundlegende Dinge: Was sind meine Ziele? Was ist mir eigentlich wichtig im Leben? Ich habe Reflektieren gelernt. Das habe ich eigentlich die ganzen Jahre nicht wirklich gemacht. Gefühle auch im Körper erkennen. Bin ich jetzt wütend, oder bin ich jetzt enttäuscht? Der Puls rast, die Halsschlagader pulsiert, die Faust zieht sich zusammen. Wenn man das spürt, kann man noch eine Entscheidung treffen. Meiner jetzigen Beziehung habe ich es erzählt. Ich habe viel darüber nachgegrübelt, mir Vorwürfe gemacht. Ich bereue, dass ich das getan habe. Aber ich lebe damit. Das ist jetzt ein Teil von mir.“ 

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