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Sabri, Fahrer

Meine Freundin und ich, wir haben uns kennengelernt, da waren wir beide noch sehr jung. In den ersten drei Jahren, da ist man noch verliebt, aber mit dem ersten Kind gingen die Schwierigkeiten los. Da war plötzlich Verantwortung, Stress. Irgendwann ist die Liebe weggegangen und auch der Respekt.

Wir hatten oft Streit. Ich habe dann alle möglichen Gegenstände in der Wohnung kaputt gemacht: Spiegel, Glastür, Tisch. Worum es ging? Ich habe ihr zum Beispiel gesagt, was sie anziehen soll. So wie ich das von meiner Familie kannte. Ich wollte nicht, dass sie mit einem kurzen Rock oder einem durchsichtigen Oberteil auf die Straße geht. Weil ich ja weiß, wie die Jungs reden. ‚Guck mal, die hat einen Tanga drunter‘ und so was. Ich wollte einfach nicht, dass die bei meiner Freundin solche Hintergedanken haben.

Früher, da hat sie gemacht, was ich gesagt habe. Vielleicht aus Angst. Aber irgendwann hat sie angefangen, Widerworte zu geben. Das kannte ich nicht. Meine Geschwister durften mir nie Widerworte geben. Da hieß es: ‚Rede mit deinem großen Bruder vernünftig.‘ Dann habe ich mich stolz gefühlt. So bin ich erzogen worden. Das ist bei uns Tradition: die Achtung vor dem Vater und vor dem ältesten Bruder, dem Abi. Ich habe gedacht: Warum verändert die sich plötzlich? Wer sagt ihr so was? Hat sie einen anderen Freund? Ich habe angefangen, sie zu kontrollieren, ihr Handy zu überwachen. Es war ihre beste Freundin. Die hatte schon eine Trennung hinter sich und kannte die Gesetze.

Eines Tages, es war Karneval, hatte sie so enge und kurze Sachen an. Ich habe gesagt: Das ziehst du nicht an! Sie ist trotzdem gegangen. Am Abend gab es dann Streiterei. Da habe ich ihr eine Ohrfeige gegeben und ihr auf den Rücken geschlagen. Sie hat stark geblutet, an Nase und Lippe. Ich bin raus und habe erst mal eine Zigarette geraucht und dachte: Jetzt hast du Scheiße gebaut. Ich habe mich entschuldigt, aber es war schon zu spät. Ich glaube, da hatte sie alle Achtung vor mir verloren.

Am nächsten Tag hat sie abgewartet, bis ich zur Arbeit gegangen bin. Und dann hat sie alles durchgezogen: Sie hat ihre Sachen gepackt, die Kinder genommen und ist gegangen. Zu ihrer Mutter. Ich bin sofort dahin. Und da hat sie so richtig Klartext geredet. Ihre ganzen Gedanken, die sich über Jahre in ihrem Kopf gesammelt hatten. Sie hat mir gesagt, dass sie sich von mir trennt, dass sie nichts mehr mit mir zu tun haben will, dass sie eine eigene Wohnung sucht. Und dass sie mich wegen Körperverletzung angezeigt hat.

In den darauffolgenden Monaten habe ich sie regelrecht verfolgt. Ich wollte wissen, ob sie mit jemandem zusammen war. Überall habe ich sie geortet, per GPS im Auto und auf dem Handy. Ich war Dutzende Male vor ihrer Haustür. Ich war hartnäckig, stur und aggressiv. Sie war sehr selbstbewusst geworden und hat mich mehrfach angezeigt. Jedes Mal musste ich 500 Euro zahlen. Ich habe gezahlt, das war mir egal. Ich hatte nur eins im Kopf:
Ich kann niemals ohne sie leben.

Eines Tages hat sie mir gesagt, dass sie einen neuen Freund hat. Aus. Ich bin total abgestürzt. Ich habe angefangen zu trinken, Drogen zu nehmen. Ich wollte Selbstmord machen. Und da hatte ich großes Glück. Genau in diesem Moment ruft mein bester Freund an. Er sagte, ich brauche dich, komm her. Das hat mich gerettet. Ich bin aufgewacht. Ich habe alle Drogen weggeworfen, den Alkohol auch. Ich war am Leben. Aber ich hatte Angst vor mir selber.

Ich bin der Älteste von acht Kindern. Wenn früher jemand meine Familie beleidigt hatte, ein Bruder Probleme draußen hatte, dann habe ich das geregelt. In allen türkischen und arabischen Familien ist das so. Es geht immer um Stolz, um Ehre, um Stärke. Bei uns sagt man: Aslan oglum. Kämpfen wie ein Löwe. Man wird mit solchen Sprüchen groß. Man darf nie deinem Gesicht ansehen, dass du Stress hast. Das ist gegen die Ehre. Diese Erziehung finde ich heute falsch.

Die Väter stehen in unseren Familien an der Spitze. Aber ich will meine eigenen Erfahrungen machen. Ich kann mir gerne einen Rat anhören, aber wenn ich es anders machen will, mache ich es anders. Wenn mein Vater sich heute einmischt, wenn er findet, dass meine heutige Frau nicht richtig angezogen ist, dann sage ich: „Hör zu, Papa: Ich bin jetzt alt genug, um selbst zu entscheiden.“

Früher hat mein Vater gesagt: ,Achte darauf und achte hierauf, mein Sohn.‘ Und hat sich sehr in mein Leben eingemischt. Heute frage ich bei Problemen: ,Leute, hört mal, wer kennt sich damit aus?‘ Das muss ja nicht immer die Familie sein. Früher habe ich meine Meinung immer für mich behalten. Heute sage ich, was ich denke. Ich bleibe respektvoll, aber bestimmt. Das hätte ich mir vorher niemals vorstellen können.

Damals hatte ich vom Richter die Auflage bekommen, eine Gewaltberatung zu machen. 18 Stunden, über acht Monate verteilt. Als ich in der ersten Stunde der Beraterin gegenüber ge­sessen habe, dachte ich: ,Wo bin ich hier gelandet. Was soll das hier?‘ Ich sollte einen Fragebogen ausfüllen. ,Welche Art von Gewalt haben Sie ausgeübt?‘ Da habe ich reingeschrieben: ,Ich habe keine Gewalt ausgeübt.‘ So habe ich da noch gedacht.

Aber so langsam habe ich gemerkt, die will mir gar nicht böse. Es war wieder mein bester Freund, der mich bestärkt hat. ,Geh dahin. Das sind gute Leute. Du kannst mit ihnen über alles reden. Die können dir helfen.‘ Er hatte selber gute Erfahrungen mit denen gemacht. Nach der vierten oder fünften Stunde war ich offen. Die Beraterin konnte als Frau auch meine Frau verstehen. Sie hat mir neue Wege gezeigt. Miteinander reden. Bewusst nicht schreien. Wenn mal was ist, rausgehen, frische Luft schnappen.

Ich hatte alles verloren, meine Frau, meine Kinder, mein Haus, mein Auto. Ich habe meine Freundin geheiratet, wir haben gerade eine Tochter bekommen. Ich kann sagen, dass sich mein Leben um 360 Grad gedreht hat. Es ist sehr anstrengend, seinen Charakter zu ändern, und das geht nicht von heute auf morgen. Ich bin seit drei Jahren dran. Schritt für Schritt. Manchmal schaue ich auf mich und denke: Das hätte ich niemals von mir gedacht.

Meine heutige Frau findet das auch gut, dass ich das hier gemacht habe, sie merkt ja auch meine Veränderung. Früher habe ich gedacht: Die Frau ist mein Eigentum. Heute braucht mir niemand mehr mit Eigentum zu kommen. Wenn dir jemand fremdgehen will, dann geht der fremd. Früher habe ich andere Männer böse angeguckt, wenn sie meine Frau angeschaut haben. Wenn heute jemand meiner Frau Komplimente macht – warum denn nicht? Auch meinen Kindern gegenüber habe ich ein anderes Verhalten. Erst jetzt habe ich verstanden, dass die Kinder früher Angst vor mir hatten.

Früher habe ich den Sohn immer an die erste Stelle gesetzt. Der war mein Stolz, der wird meinen Namen weitertragen. Mein Sohn durfte alles, zu der Tochter war ich streng. Auf einmal habe ich mich gefragt: Warum? Wieso? Nur weil der einen Pipimann hat? Heute behandele ich meine Tochter und meinen Sohn gleich.

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