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Sascha, Frührentner

Wie es dazu gekommen ist, weiß ich nicht mehr. Es müsste 2008 gewesen sein. Europameis­terschaft. Deutschland im Endspiel. Gegen Spanien. Und Deutschland verliert. Ich hatte Alkohol getrunken. Ich muss schon ein bisschen randaliert haben. Warum mir die Hand gegen meine Frau ausgerutscht ist, ich weiß es nicht mehr. Vielleicht hat sie so was gesagt wie: ,Ist doch nicht so schlimm, ist doch nur Fußball.‘ Ich habe sie von jetzt auf gleich aus dem Sitzen heraus so auf den Rücken geschlagen, dass sie zu Boden ging.

Ich sehe sie da noch liegen, reglos. Mein erster Gedanke war, ich hätte sie umgebracht. Ich glaube, ich habe dann den Kranken­wagen gerufen. Sie hat den Sanitätern gesagt, sie sei gestürzt. Zwei Tage später war sie wieder zu Hause. Das war das erste Mal, dass ich gewalttätig gegen meine Frau geworden bin. Ungefähr drei Jahre später ist es noch mal passiert. Aber daran habe ich keine Erinnerung mehr. Nullkommanull, völlig weg. Als ob es nie geschehen wäre.

Mein Problem ist eigentlich nicht die physische, sondern eher die psychische Gewalt. Ich komme von null auf 180 in einer Sekunde. Auch auf der Straße bei fremden Menschen. Wenn ich mich provoziert fühle, ist verbal kein Ende in Sicht. Da ist es egal, ob Mann oder Frau, ob alt, ob jung. Die pure Wut. Das war auch das Problem mit meiner Frau. Wenn wir gestritten haben, habe ich schlimme Dinge gesagt: ,Du behindertes Kind.‘ ,Du Fotze.‘ ,Du Hure.‘ Nie auf Augenhöhe. Immer von oben nach unten. Ich habe meine Frau mundtot gemacht. Bis sie fertig war. Heulend auf dem Sofa, kein Wort mehr gesprochen. Danach fühlte ich Genug­tuung: Ich hatte gewonnen. Ich hatte das letzte Wort. Ich hatte gezeigt, dass ich der Chef bin.

Ich war wirklich richtig böse. Früher fand ich das normal. Ich habe gar nicht gemerkt, was ich damit anrichte. Dass ich böse werde bei jeder Scheiße. Mein Vater war noch schlimmer. Viel schlimmer. Er hat richtig geschlagen. Und sein Vater war wohl auch schon so. Meine Mutter und auch meine Stiefmutter hat er grün und blau geschlagen. Alle wussten das, aber keiner hatte den Mut, sich gegen ihn zu stellen. Wir Kinder sowieso nicht. Meine Mama hat sich deshalb von ihm getrennt. Heute hat er Alzheimer und denkt, er sei ein guter Mensch gewesen ... Wenn ich meiner Mama früher erzählt habe, dass es bei uns wieder Streit gab, hat sie bitterlich geweint und gesagt: ,Du bist wie dein Vater.‘

Ich bin auch der schlechteste Verlierer, den ich kenne. Meine Frau sagt, sie spielt aus Spaß. Und ich spiele, um zu gewinnen. Mit der Playstation spiele ich viel Fußball. Aber da muss nur ein Gegentor fallen und schon knalle ich das Ding an die Wand. Da wurde schon mal der Controller in den Fernseher geworfen. Zwei, drei Fernseher sind auf diese Weise kaputtgegangen. Die Wut muss raus. Als ob man ferngesteuert ist, als ob das nicht ich bin.
Und dann ist alles so, als ob nie was gewesen wäre. Zumindest für mich. Meine Frau hatte Angst.

Meine Frau hat das früher alles immer weggesteckt. Auch für die war es danach alles wieder normal. Vorgespielt oder nicht. Früher gab es immer nur meine Meinung. Wenn ich gesagt habe: Wir machen das! Dann haben wir das gemacht. Dass es so eine ein­seitige Sache war, ist mir noch nicht mal aufgefallen ist. Es lief ja.

Die letzten zwei Jahre war es plötzlich anders. Sie konnte einfach nicht mehr damit umgehen. Sie hat viel geweint. Oder sie hatte eine ganz steinerne Miene. Einmal hat sie sogar gesagt, dass sie lieber auf der Arbeit ist als zu Hause. Sie wollte schon lange zur Eheberatung. Ich habe immer gesagt: Komm, wir kriegen das schon hin. Dann wurde es aber ein, zwei Mal so schlimm, dass sie gesagt hat: Jetzt gehe ich. Und dann habe ich gewusst, wenn wir das jetzt nicht machen, dann ist es vorbei. Ich war es, der den Termin gemacht hat. Und der Beraterin war ganz schnell klar, dass ich ein Problem habe. Und die hat mir dann empfohlen, zur Männerberatung zugehen. Ich habe immer von mir gedacht: Ich bin ein schlechter Mensch.

Ich habe gedacht, man kann sich nicht ändern, man ist einfach so, wie man ist. Ich hatte mir schon oft etwas vorgenommen. Ab morgen machst du Diät, ab morgen suchst du dir eine Arbeit. Ich habe nie etwas davon gemacht.

Jetzt versuche ich zum ersten Mal, etwas in meinem Leben zu ändern. Seit ich meine Frau kenne, mache ich zum ersten Mal wirklich das, was ich versprochen habe. Einmal die Woche Männerberatung. Obwohl ich fast jeden Dienstag gedacht habe:

Ich habe gar keinen Bock. Aber wenn du dann da bist, bist du
froh. Und wenn man so die anderen Geschichten hört, denkt man: ,Ich bin ja nicht der Einzige mit dem Problem.‘ Das bestärkt einen, weiterzumachen. Ich bin ein Jahr lang dahin gegangen, länger als jeder andere.

Als ich meine Frau kennengelernt habe, saß ich schon zwei Jahre im Rollstuhl. Ein Arbeitsunfall auf der Baustelle, eine 600 Kilo schwere Holzplatte ist auf mich gestürzt. Seitdem arbeite ich nicht mehr. Sollte ich aber eigentlich wieder. Früher haben wir immer alles zu zweit gemacht. Wir waren immer nur in unserer Blase. Neulich bin ich, nach neun Jahren, zum ersten Mal zu einem guten Freund alleine gefahren. Das hat auch mit der Beratung zu tun.

Unsere Ehe hat sich verändert, seit ich zur Männerberatung
gegangen bin. Wenn wir uns jetzt streiten, achte ich darauf, dass ich nicht mehr unter die Gürtellinie gehe. Ich überlege vorher, was ich sage. Ich warte fünf Minuten, und dann ist es meistens schon weg. Meine Frau hat natürlich trotzdem noch Angst bei jedem Streit. Aber von zehn Mal schaffe ich mittlerweile neun.

Ich hatte früher nie Respekt vor ihrer Arbeit, sie ist Hauswirtschafterin, ich dachte, das kann doch jeder. Inzwischen interessiere ich mich dafür, was sie da erlebt. Es kommt sogar jetzt häufiger vor, dass sie das letzte Wort hat. Sie ist selbstbewusster geworden. Sie fragt nicht mehr, können wir das oder das machen, sondern sie sagt jetzt öfter: Wir machen das. Ich hätte nie gedacht, dass das funktioniert. Verlieren kann ich immer noch schlecht, aber inzwischen haue ich dann nur mit der Hand auf den Tisch, und dann ist schon Schluss.“ 

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