aussen_1_k (13351 Byte )  

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

2 (18670 Byte )

Bettina Flitner—Frauen aus Europa

Rede des Museumsdirektors des Tampere Art Museums
Janne Gallen-Kallela-Siren

 

Begrüssung, 15.1.2005, 16:00
Kunstmuseum Tampere

Sehr geehrter Herr Botschafter, sehr geehrter Herr Vorsitzender der Stadtverwaltung, meine Damen und Herren, ich begrüße Sie bei der Eröffnung der Fotografieausstellung Europäische Frauen von Bettina Flitner.

Zum dritten Mal in den vergangenen sechs Monaten habe ich heute das Vergnügen, bei der Eröffnung einer neuen Ausstellung im Kunstmuseum Tampere das Grußwort zu sprechen. In einem Museum ist eine neue Ausstellung immer so etwas wie die Geburt eines neuen Kindes, ein spannendes Ereignis, dessen Gelingen eine reibungslose Zusammenarbeit mehrerer Partner voraussetzt. Eine gelungene Ausstellung zeigt immer etwas sehr Wichtiges auf: die Maschinerie des Tamperenser Kunstmuseums ist gut geölt und funktioniert tadellos. Ich wünsche mir sehr, dass unser Können und unsere funktionellen Voraussetzungen auch außerhalb des Museums Beachtung finden, auf dem kommunalen Feld, wo die Spezifika der Museen unter großen strategischen Organisationsreformen vergraben zu werden drohen. Dies kann ich nicht genug betonen. Der heutige Tag ist jedoch nicht Sorgen gewidmet, im Kunstmuseum Tampere ist er der Künstlerin Bettina Flitner und den Europäerinnen, ihren Errungenschaften gewidmet.

Vor hundert Jahren veröffentlichte der erste Präsident der in Worchester, Massachusetts liegenden Clark-Universität, G. Stanley Hall, sein zweiteiliges Buch Adolescence: Its Psychology and Its Relations to Physiology, Anthropology, Sociology, Sex, Crime, Religion, and Education—auf Deutsch Adoleszenz: Seine Psychologie und seine Relation zur Physiologie, zur Anthropologie, zur Soziologie, zum Geschlecht, zu Verbrechen, zur Religion und zur Ausbildung. In seiner Veröffentlichung, die am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts schnell zu einem wissenschaftlich renommierten Schlüsselwerk wurde, versuchte Hall seine Leserschaft davon zu überzeugen, dass die Ausbildung von Frauen an der Seite der Männer sowohl für die Frauen selbst, als auch für die ganze Gesellschaft schädlich sei. Seiner Meinung nach durfte man Frauen zwar ausbilden, sogar in Hochschulen, aber ihr Hauptfach dort sollte Kinder- und Haushaltspflege sein. Das weibliche Gehirn sollte seiner Ansicht nach nicht mit Dingen und Berufen belastet werden, die der männlichen Welt angehörten. Solche Gehirnbelastung hätte nach seiner Anschauung sehr schädliche Auswirkungen auf die Gesundheit der Frauen und das Wohlergehen der Familien gehabt.
Halls Studie ist nur eine Erinnerung unter vielen daran, wie jung der Begriff von der Gleichberechtigung der Geschlechter eigentlich ist. Die Tatsache, dass in einigen der rund zweihundert Staaten der Welt heute Frauen in führenden Positionen sind, dass sie die gemeinsame Geschichte der Menschheit in allen Bereichen der Wissenschaft und Kunst geprägt haben, ist keine Selbstverständlichkeit und soll als solche auch nicht wahrgenommen werden. In der Mehrzahl der Staaten der Welt hat sich die Gleichberechtigung zwischen den Geschlechtern nicht verwirklicht, und das Verhältnis der Frau gegenüber dem Mann ist das Verhältnis einer Untergebenen gegenüber dem Herrn. In Finnland, so wie auch in den anderen skandinavischen Ländern, sind wir in dieser Hinsicht privilegiert. In Finnland wurde den Frauen schon im Jahre 1906 das Wahlrecht erteilt, elf Jahre vor der Unabhängigkeitserklärung unseres Landes. Nur Neuseeland hatte vor Finnland ein volles Frauenstimmrecht erlassen. Die Stellung der Frau hat sich in der Heimat dieses ‚wacholdergleichen Volkes’ im Laufe der vergangenen hundert Jahre erheblich gestärkt. Die finnischen Frauen haben sich an der Seite der Männer sowohl in Kriegs- als auch Friedenszeiten engagiert und erfolgreich geschlagen, sogar in einem Maße, dass die freiwillige Frauenhilfsorganisation Lotta Svärd nach dem Fortsetzungskrieg auf Befehl der Sowjetunion aufgelöst wurde.

Die Tatsache, dass es uns heute relativ gut geht, berechtigt uns nicht, unsere Augen vor den gesellschaftlichen Missverhältnissen zu schließen, die zum Alltag der uns umgebenden Welt gehören. Die finsteren Jahrzehnte, die unser Seelenleben und unsere Psyche tief beeinträchtigt haben, als es in Finnland modisch war, die Sowjetunion zu glorifizieren – einen Staat, der unserer Unabhängigkeit militärisch und politisch bedrohte und seinen eigenen Bürgern die Demokratie verweigerte, sind eine Erinnerung daran, wie leicht und gefährlich es ist, seine Augen zu verschließen.

Die Fotografiekünstlerin Bettina Flitner hat ihre Augen nicht verschlossen. Sie hat sie geöffnet und hilft ihren Mitmenschen nun durch die Linse ihrer Kamera, dasselbe zu tun. Flitner predigt nicht, sie zwingt uns nicht, eine bestimmte Ideologie anzueignen. Ihre fotografischen Werke -kombiniert mit den Texten der bekannten deutschen Journalistin und Essayistin Alice Schwarzer - erzählen uns mit ihrer eigenen, sich zwischen Lyrik und Realismus bewegenden Sprache von Menschen, von Frauen, die durch konkrete Leistungen zu einem Teil der europäischen und globalen Geschichte der Menschheit geworden sind. Wenn wir uns umschauen, sehen wir große Frauen auf großen Bildern. Wenn wir die Werke näher betrachten, finden wir in den abgebildeten Personen und ihren Gesichtszügen jedoch das ganze Spektrum des Mensch-Seins und der Menschlichkeit, ein Spektrum, in dem das Große sich mit dem Kleinen mischt, die Summe der Zufälligkeiten mit der Gleichung der Ziele und Errungenschaften, Härte mit Sensibilität, Erfolg mit Misserfolg, Lebensfreude und Gelingen mit dem Nieselregen des Missgeschicks.

Hinter mir begegnen wir der im Jahre 1930 geborenen polnischen Bildhauerin Magdalena Abakanovich und der 38 Jahre jüngeren Komponistin Olga Neuwirth, die sich neben ihrer künstlerischen Tätigkeit auch tagespolitisch engagiert hat. Sie hat ihren kritischen Blick unter anderem auf den Rechtspopulisten Jörg Heider gerichtet, von dem sie sagt: „Ich lasse mich nicht wegjodeln!“. Vorne rechts von mir sehen wir eine ungarisch-jüdische Schachspielerin, die im Jahre 1976 geborene Judit Polgar, die 1998 in einem Schnelldurchgang den Weltmeister Anatoly Karpov besiegte. Neben ihr ist die im Jahre 1942 geborene Biologin, Christiane Nüsslein-Volhard zu sehen, die 1995 den Nobel-Preis für Medizin erhielt. Polgars Lebenseinstellung beschreibt gut die vieler Europäerinnen in dieser Ausstellung: Sie hat ihren ersten Meistertitel im Alter von elf Jahren errungen und weigert sich seitdem, bei reinen Frauenturnieren mitzuspielen.Die Bilder an der hinteren Wand zeigen die französische Astronautin und Politikerin Claudie Haigneré und die rumänisch-deutsche Autorin Herta Müller, von denen die erste die Welt aus dem Universum und die andere aus den Tiefen ihrer Seele betrachtet hat. Auf meiner linken Seite begegnet unser Blick der österreichischen Malerin Ceija Stoika, die die Konzentrationslager überlebt hat, und die deutsche Journalistin und Essayistin Alice Schwarzer, die einen großen Teil ihres Lebens der Frauenbewegung gewidmet und unter anderem die Texte für diese Ausstellung verfasst hat. Diese acht Frauen bilden nur einen kleinen Anteil jener Bewegung und jenes Engagements, in deren Inneren die kräftige Flamme der Freiheit und Befreiung brennt. In den restlichen Räumen des Museums und an den Außenwänden begegnen Sie Seelenverwandten dieser acht Frauen. Eigentlich begegnen wir ihnen jeden Tag, wenn wir nur aufschauen und unsere Augen öffnen. Die Geschichte in Flitners Bildern endet nicht mit den Bildern. Sie sind ein Teil einer viel umfangreicheren Geschichte, von der wir einen kleinen Schimmer sehen können, wenn wir die Augen von Flitners Modellen genau studieren. Sie sind eine Art Fenster in die Welt zwischen dem Jetzt und der Ewigkeit.

Der Feminismus ist keine einfache Sache, er ist nicht leicht zu definieren und leichte Definitionen beschreiben ihn schlecht. Heutzutage kann man nicht mehr vom Feminismus reden, sondern von Feminismen. Hinter allen „-ismen“ verbirgt sich die Gefahr des Totalitarismus und Fundamentalismus. Zum Glück ist man sich dessen im Kreis der Feministen bewusst geworden, die Frauen haben eingegriffen und Stellung bezogen. Die Kraft der Feminismen steckt in ihrer Regenerationsfähigkeit, Vielgestaltigkeit und ihrem Pluralismus. Diese Regenerationsfähigkeit und Vielgestaltigkeit spiegelt sich sehr stark in Bettina Flitners Kunst wider. Wenn ich ihre Fotografien und die in ihnen gezeigten Frauen betrachte, erinnere ich mich an eine ƒußerung meiner Lehrerin, Professor Linda Nochlin, „Man kann keine Kriege, sondern nur Kämpfe gewinnen.“ So bin ich auch der Meinung, dass im Leben eines Menschen die Prozesse des Lebens wichtiger sind als die Ziele von morgen, die Berggipfel der Zukunft.

Frau Flitner, in meinem eigenen und im Namen des Kunstmuseums Tampere möchte ich Ihnen für diese Möglichkeit, Ihre Werke hier in Tampere auszustellen, herzlich danken. Die Ausstellung Europäische Frauen wurde vom wissenschaftlichen Mitarbeiter des Kunstmuseums, Herrn Tapani Pennanen, und Herrn Ulrich Haas-Pursiainen vom Fotografiezentrum Nykyaika kuratiert und in fachmännischer Weise realisiert. Ihnen gilt der Dank für das Gelingen der Ausstellung. Die im Untergeschoss ebenfalls heute zu eröffnende Ausstellung Finnische Frauen – Künstler und Modell ist von Museumsassistentin Marja-Liisa Linder kuratiert worden. Danke, Marja-Liisa. Verantwortlich für die Aufhängung der beiden, sich kunsthistorisch reflektierenden Ausstellungen waren unsere Angestellten Olli Mattila, Elina Rantasaari und Mika Pentti, von denen der Letzterwähnte den ganzen Donnerstag an den Außenwänden des Museums verbrachte, um die Gleichung zwischen Fotografie und kaltem, schneidendem Wind zu lösen. Euch ein herzliches Dankeschön. Danke auch an das gesamte Personal: Es ist eine Freude mit euch zusammenzuarbeiten. Zum Schluss möchte ich mich bedanken beim Kultusministerium des Landes Nordrhein-Westfalen sowie dem Finnischen Unterrichtsministerium für ihre Unterstützung der Ausstellung Europäische Frauen.

Meine Damen und Herren, ich habe jetzt die Ehre, dem Ehrengast unserer Ausstellung, dem Botschafter der Bundesrepublik Deutschland, Herrn Doktor Hanns Schuhmacher das Wort zu erteilen, der die Ausstellung eröffnet.

###PAGEBROWSER###